Morbus Bechterew (spondylitis ancylosans)

Die Bechterewsche Krankheit (auch als Morbus Bechterew bekannt, lat. spondylitis ancylosans) ist eine schmerzhafte, chronisch verlaufende rheumatische Erkrankung, die vor allem die Funktion der Wirbelsäule beeinträchtigt. Durch Entzündungen der Wirbelsäulengelenke und der Bänder kommt es zu einer teilweisen oder – im Endstadium – vollständigen Verknöcherung und damit Versteifung der Wirbelsäule. Die Folge ist eine starke Bewegungseinschränkung und fortschreitend gebeugte Haltung des Patienten.
Nach heutiger Schätzung ist etwa 1% der mitteleuropäischen Bevölkerung an Morbus Bechterew erkrankt – in Deutschland gibt es also schätzungsweise 800.000 Bechterew-Patienten. Männer sind etwa zwei- bis dreimal so häufig betroffen wie Frauen; außerdem verläuft die Erkrankung bei Frauen meist milder, oft jedoch nicht weniger schmerzhaft. Üblicherweise beginnt die Krankheit zwischen dem 15. und 40. Lebensjahr.

Ursachen/Risikofaktoren

Die Ursache für Morbus Bechterew ist bislang unbekannt. Als Auslöser werden Viren oder Bakterien diskutiert, aber auch Stoffwechselstörungen. Wie bei anderen Rheumaerkrankungen könnten auch sogenannte Autoimmunphänomene eine Rolle spielen, bei denen sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen richtet und eine permanente Entzündung auslöst und unterhält.

Gesichert ist, dass die Krankheitsanlage für Bechterewsche Krankheit erblich ist. Bei etwa 90% der Betroffenen findet sich auf den weißen Blutkörperchen ein bestimmtes Blutgruppenmerkmal, der sogenannte HLA-B27-Faktor. Da jedoch bei weitem nicht alle HLA-B27-Träger erkranken, ist zu vermuten, dass ein oder mehrere weitere Faktoren (z. B. eine Infektion) hinzukommen müssen, damit die Krankheit ausbricht.

Krankheitsbild

Morbus Bechterew ist eine Erkrankung des gesamten Organismus, besonders betroffen ist die Wirbelsäule. Bei etwa einem Drittel der Patienten werden auch Hüften und Schultern, Knie und Fußknöchel in Mitleidenschaft gezogen. Morbus Bechterew beginnt meist mit nächtlichen Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule (Kreuzschmerzen), die bis in den Oberschenkel ausstrahlen können. Viele Patienten klagen im Anfangsstadium auch über Nacken-, Gelenk-, Knie- und/oder Fersenschmerzen, über morgendliche Steifigkeit und ein Engegefühl im Brustkorb. Hinzu kommt oft eine Entzündung der Regenbogenhaut des Auges. Die Krankheit verläuft schubweise und individuell recht unterschiedlich. Phasen hoher Krankheitsaktivität – begleitet von starken Schmerzen, Abgeschlagenheit, Gewichtsverlust, blassfahlem Aussehen und gelegentlich auch Fieber – wechseln mit Perioden relativen Wohlbefindens. Zirka 20 % der Patienten leiden unter einer wiederkehrenden Entzündung der Regenbogenhaut des Auges. Seltener wird eine Organbeteiligung von Herz, Lunge, Niere und Leber beobachtet. Erschwert wird der Krankheitsverlauf gelegentlich auch durch entzündliche Darmerkrankungen oder Schuppenflechte (Psoriasis).

Auswirkungen

Durch schmerzhafte Entzündungen der Gelenke zwischen Wirbeln und Rippen sowie zwischen Kreuz- und Darmbein kommt es zu einer Verknöcherung der Gelenke und des Bandapparates und schließlich zu einer partiellen oder im Endstadium auch vollständigen Versteifung der gesamten Wirbelsäule einschließlich der Kreuz-Darmbein-Gelenke. Die Entwicklung der Erkrankung bis zum Endstadium dauert meist 15 bis 25 oder mehr Jahre.

Im späteren Stadium können die Schmerzen nachlassen und die Erkrankten nehmen die typische nach vorn gebeugte Haltung (Kyphose) an. Durch diese Haltung fällt es dem Patienten schwer, zu seinem Gegenüber Blickkontakt aufzunehmenzu halten. Der Körper reagiert auf die Schmerzen mit Ausweichbewegungen, die wiederum andere Gelenke – z. B. Hüft- und Fußgelenke – übermäßig belasten. Daraus resultieren drastische Einschränkungen der Beweglichkeit und eine allgemeine Verringerung der Belastbarkeit. Während der oft äußerst schmerzhaften Schübe ist der Erkrankte bei alltäglichen Handlungen erheblich bis vollständig behindert.

Erkennung/Untersuchungen

Im Anfangsstadium sind die Beschwerden meist unspezifisch und werden daher nicht selten fehlgedeutet. Es gibt heute jedoch eine Anzahl von Kriterien, mit denen erfahrene Rheumatologen eine zuverlässige Diagnose stellen können. Die meisten Morbus-Bechterew-Patienten zeigen mindestens vier dieser fünf frühen Warnsignale:

  • Beginn der Schmerzen vor dem 35. Lebensjahr
  • Morgendliche Steifigkeit der Wirbelsäule
  • Bewegung schafft Linderung
  • milder Beginn der Symptome
  • Dauer der Symptome länger als drei Monate

Es empfiehlt sich, beim Auftreten unerklärlicher Rückenschmerzen baldmöglichst einen Arzt aufzusuchen. Dieser wird dann durch eine eingehende Untersuchung (Blutuntersuchung, Röntgen, Computertomographie etc.) feststellen, ob es sich bei den Beschwerden um Morbus Bechterew handeln könnte.

Therapie

Morbus Bechterew ist derzeit nicht heilbar. Die medikamentöse Behandlung beschränkt sich hauptsächlich auf entzündungs- und schmerzhemmende Substanzen (meist sogenannte nichtsteroidale Antirheumatika oder Steroide), die zwar die Symptome lindern, die Erkrankung aber nicht aufhalten können. Gleiches gilt für Medikamente aus dem Bereich der Naturheilverfahren. Sie können den Stoffwechsel und das Allgemeinbefinden positiv beeinflussen. In Frage kommen hier entzündungshemmende Enzympräparate, Vitamine, insbesondere Vitamin E oder Brennesselextrakte.

Neben der medikamentösen Therapie sind vor allem aktive und passive physikalische Maßnahmen erforderlich. Im Vordergrund steht eine intensive und konsequente Krankengymnastik, um der drohenden Versteifung vorzubeugen und die Beweglichkeit möglichst lange zu erhalten. Eine frühzeitige Diagnose und die baldige Einleitung und konsequente Durchführung geeigneter Übungen ist von entscheidender Bedeutung. Unterstützend können entzündungshemmende Anwendungen wie Reizstrom oder Ultraschall wirken.

Die Deutsche Gesellschaft Morbus Bechterew e.V. (DGMB) empfiehlt folgende Maßnahmen:

  • ambulante fachärztliche Betreuung durch Rheumatologen
  • bei medizinischer Indikation stationäre Behandlung in speziellen Rheumakrankenhäusern/-kliniken
  • bei medizinischer Indikation stationäre Reha-Maßnahmen durch den Rentenversicherungsträger
  • Krankengymnastik in Einzelbehandlung
  • kontinuierliche Bewegungstherapie in speziellen Morbus-Bechterew-Therapiegruppen unter Leitung qualifizierter Physiotherapeuten (Bewegungsbad/Schwimmen in mindestens 30 °C warmem Wasser, Bechterew-Gymnastik, therapeutisch ausgerichteter Bewegungssport)
  • ergänzend physikalische Therapie (Bäder, Packungen etc.), wenn medizinisch angezeigt in Fällen mit schwerer gebeugter Haltung (Kyphose) stationäre Aufrichtungsoperation in Spezialkliniken.
  • Eventuell kann eine Ausstattung mit Hilfsmitteln, z. B. Betten, Matratzen, Kopfkissen, erforderlich werden.

Was kann der Patient tun? –
Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft Morbus Bechterew e.V
“Dem Verlauf der Erkrankung kann durch rechtzeitige, regelmäßige medizinische Betreuung und kontinuierliche spezielle Bewegungstherapie entgegengewirkt werden. Durch die konsequente Durchführung spezieller Übungsprogramme für Patienten mit Morbus Bechterew kann der drohenden Versteifung entgegengewirkt und günstigen falls wieder zusätzliche Beweglichkeit erlangt werden.

Dabei ist der Patient auch selbst gefordert. Deshalb steht in Ergänzung zu den notwendigen Maßnahmen der Ärzte und Therapeuten sowie den erforderlichen kurativen Maßnahmen die wichtige Selbsthilfe des Patienten zu Hause und vor allem auch in der möglichst wohnortnahen Therapiegruppe.”

Morbus Bechterew und Beruf

Häufig ist die Fortführung des ausgeübten Berufes auch weiterhin möglich. Ideal ist eine Tätigkeit, die abwechselnd Sitzen, Stehen und Gehen ermöglicht. Langandauernde und einseitige Belastungen (besonders in vornüber gebeugter Körperhaltung) sollten vermieden werden, ebenso wie das Heben schwerer Lasten sowie Kälte und Feuchtigkeit. Gegebenenfalls erleichtern angepasste Sitzmöbel die berufliche Tätigkeit. In besonders schweren bzw. weit fortgeschrittenen Stadien kann die Bechterewsche Krankheit jedoch auch zur Berufsunfähigkeit führen.

Wichtige Adressen

Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew e.V.
Metzgergasse 16
D-97421 Schweinfurt
Tel : 09721 / 220 33
Fax: 09721 / 229 55
Homepage: http://www.dvmb.rheumanet.org/

Informative Website mit zahlreichen Landesverbänden und anderen wichtigen Adressen, Einsicht des aktuelles Bechterew-Briefes, Bestellmöglichkeit zahlreicher Informationsbroschüren, CDs und Videocasseten

Speziell für junge Bechterew-Patienten:
Für “junge Bechterewler” gibt es über das Angebot der örtlichen Therapiegruppen hinaus spezielle Angebote. Anfragen richten Sie bitte an:
Jens Theunert
Berliner Straße 15
30457 Hannover
Tel.: 05 11/46 14 57
Fax: 05 11/46 14 37
Email: DVMB@gmx.net

Victor Hogo Vaca Cuellar
Stahlberg 71
42279 Wuppertal
Tel./Fax : 02 02/524141
Mobil : 0171/3577652
Email: VictorVaca@aol.com

Österreichische Vereinigung Morbus Bechterew
Ehrenamtlich geführte Selbsthilfeorganisation
Obere Augartenstraße 26 – 28
A-1020 Wien
Bürozeiten: jeden Mittwoch von 17.00 bis 19.00 Uhr
Telefon/Fax : 0043-1-332 2810
Email: office@bechterew.at
Internet: http://www.bechterew.at

Schweizerische Vereinigung Morbus Bechterew
Röntgenstraße 22
CH-8050 Zürich
Telefon: 0041-01-2727866
Fax: 0041-01-2727875
Email: bechterew@bluewin.ch
Internet: http://www.bechterew.ch

Weitere Internet-Tipps:
http://www.rheuma-liga.de: Deutsche Rheumaliga (Allgemeines und Informatives über Rheuma)
http://www.spondylitis.org/: Spondylitls Association of America (nur in Englisch)
http://nass.co.uk/: Ankylosing Spondylitis International Federation (nur in Englisch)

Kategorie: Krankheiten
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