Dekubitus

Beim Dekubitus handelt es sich in den meisten Fällen um eine Komplikation bei längerem bewegungsarmen Liegen, sogenanntes Durchliegen Ein Schlaganfall oder ein Oberschenkelhalsbruch sind häufig die Ursache dafür, dass alte Menschen einige Wochen immobil bleiben müssen. Dann plagt oftmals ein Druckgeschwür (Dekubitus), das sich aufgrund von mangelhafter Gewebsernährung entwickelt. Früher wurden diese Druckgeschwüre zunächst unter der Bezeichnung “Gangraena” zusammengefasst und entsprechend der Ursache “Gangraena per decubitum” (decubare-darniederliegen), also “Druckgeschwür durch darniederliegen” genannt. Von diesem Begriff blieb schließlich nur die heute übliche Bezeichnung Dekubitus übrig. Im deutschen Sprachgebrauch verwendet man auch die Bezeichnungen: Wundliegen, Druckbrand Wundliegegeschwür und Durchliegen.

Ursachen/Risikofaktoren

Bei der Entstehung des Dekubitus spielen drei Faktoren ein entscheidende Rolle:

  • Druck (Auflagedruck)
  • Zeit (Druckverweildauer)
  • Risikofaktoren für Minderdurchblutung

Ein Faktor alleine führt nicht zum Dekubitus. Erst ein gewisser Druck über eine längere Zeit bei bestehenden Risikofaktoren führt zu unwiderruflichen Schädigungen des Gewebes. Da der Gesunde jeden einwirkenden Druck durch spontane Entlastungsbewegungen immer wieder aufhebt, entstehen bei ihm keine Gewebsschäden.

Durch den Druck werden die kleinen Gefäße zusammengedrückt, so dass der Gas- und Stoffaustausch unterbrochen wird und es zu einer Durchblutungsstörung des Gewebes kommt. Der Druck auf die Haut kann sowohl von außen als auch von innen ausgeübt werden:

  • von außen: z.B. durch Falten im Bettlaken, Lagerungsschienen, oder auch Katheter und Sonden, sofern sie unter dem Patienten liegen.
  • von innen: durch Knochen, die ohne große Muskel- oder Fettpolster direkt unter der Haut liegen. Am häufigsten betroffen sind das Kreuzbein, die Ferse und der große Rollhügel des Oberschenkelknochens. Weitere bevorzugte Stellen sind die Außenknöchel, die Ellenbogen, die Wirbelvorsprünge der Brustwirbelsäule, das Schulterblatt und die Ohrmuschel. Es handelt sich hierbei immer um Stellen der Körperoberfläche, an denen das Skelett direkt an die Haut grenzt und die druckverteilende Funktion der Muskulatur und Unterhautfettgewebe fehlt.

Neben der Vermeidung oder Verminderung des Druckes ist es genauso wichtig, Scherkräfte zu vermeiden. Diese entstehen beim Rutschen des Patienten in eine Richtung (z.B. ungewolltes Herunterrutschen im Bett, Hochziehen im Bett). Dabei werden die einzelnen Haut- und Gewebeschichten gegeneinander verschoben, wodurch die kleinen Blutgefäße abgeklemmt werden können und die Blutzirkulation unterbrochen wird.

Zeit:

Entscheidend ist ebenfalls, wie lange der Druck auf der Haut lastet. Durch die Druckeinwirkung werden die kleinen Gefäße der Haut zusammengedrückt und die Mikrozirkulation wird unterbrochen. Wenn die Ernährung der Hautzellen weniger als zwei Stunden unterbrochen wurde, können sie sich wieder erholen. Bei länger anhaltendem Sauerstoffmangel jedoch sterben einzelne Zellen ab und es kommt zu Gewebsuntergang ( Nekrose Info ).

Risikofaktoren:

Risikofaktoren sind keine Ursachen, bei denen ein Dekubitus zwangsläufig auftritt, sondern bestimmte Umstände und Gegebenheiten, unter denen er begünstigt wird. Sie hängen alle mit der Abnahme der spontanen Beweglichkeit zusammen und mit Krankheiten, welche die Haut zusätzlich schädigen, die Durchblutung der Haut (auch ohne Druck) verschlechtern oder die Druckentlastung behindern.

Immobilität, Bewegungsbehinderung
– Gips, Lagerungsschienen
– postoperative Einschränkungen
reduzierter Allgemeinzustand
körperlich: Alter
schlechter Ernährungszustand, geringes Fettpolster
Austrocknung, Wasserverlust Operationen
psychisch: Depressionen mit Bewegungsmangel
veränderte Stoffwechselaktivität
– Fieber
Diabetes mellitus (“Zuckerkrankheit”)
– Allgemeininfektionen
– lokale Infektionen (Bakterien, Pilze)
Bewusstlosigkeit
– Koma
– Narkose
– Ruhigstellung durch Medikamente
schlechte Durchblutung
– “Blutarmut” (Anämie)
– Herz-Kreislauf-Erkrankungen
– Gefäßerkrankungen
Empfindungsstörungen
Bedingungen, die die Haut zusätzlich schädigen
– Inkontinenz
– Feuchtigkeit
– Schwitzneigung

Ist es einmal zum Dekubitus gekommen, verstärkt dieser im Sinne eines Circulus vitiosus die Risikosituation des Patienten, weil er dessen Beweglichkeit insgesamt beeinträchtigt.

Krankheitsbild

Die Erkrankung Dekubitus wird in 4 Stadien eingeteilt, die das Ausmaß der Druckschädigung wiederspiegeln sollen.

  • Stadium 1 anhaltende Hautrötung
  • Stadium 2 Hautdefekt, jedoch noch auf die obere Hautschicht und deren Gefäße beschränkt.
  • Stadium 3 Nekrose der Lederhaut und des Unterhautfettgewebes und deren Gefäße.
  • Stadium 4 Nekrose reicht bis in die Muskulatur bzw. das Skelettsystem. Die den Knochen umgebenden und ernährenden Gefäße sind in den Druckschaden miteinbezogen.

Im Stadium 1 liegt eine Funktionsstörung vor, die rückgängig gemacht werden kann und folgenlos verschwindet, sofern man diese Stelle langfristig vom Druck entlastet. Werden keine druckentlastenden Maßnahmen ergriffen, so kommt es zu Blasenbildung, Hautverletzung und Gewebszerfall.

Im 2.Stadium ist die Oberhaut zwar defekt, aber die darunter liegende Lederhaut schützt noch die tiefer liegenden Schichten. Man kann nun schon von einer Wunde Info sprechen, diese heilt aber bei einer beharrlichen Druckentlastung und ausreichenden Wundbehandlung vollständig und ohne Narben wieder ab.

Im Stadium 3 sind alle drei Hautschichten durchbrochen, im 4. Stadium sind zusätzlich noch die Sehnen und Knochen beteiligt. Die Wundheilung nimmt sehr lange Zeit in Anspruch und es bilden sich immer Narben, da es sich um eine sekundäre Wundheilung Info handelt.

INFO Wundheilung

Gesamtheit aller biologischen Vorgänge, die zum Verschwinden einer Wunde führen. Der Organismus reagiert auf eine Wunde durch schnelle Anpassung des Gewebes und rasche Heilung, oder durch langsame Regeneration über einen klaffenden Wundspalt.

 

primäre Wundheilung:

die Wunde heilt durch Zusammenwachsen lückenlos aneinander liegender Wundränder; dies kann durch Naht-, Klammer- oder Pflasterverschluss (= primärer Wundverschluss) unterstützt werden.

 

sekundäre Wundheilung: die Wunde heilt über einen klaffenden Wundspalt, der sich zuerst reinigt, dann körniges Granulationsgewebe und letztendlich festes Bindegewebe (Narbe) bildet.

Auswirkungen

Ein Dekubitus in fortgeschrittenem Stadium braucht sehr viel Zeit, um zu heilen. Beim Heilungsprozess entstehen immer Narben. Gerade ältere und kranke Menschen, deren Beweglichkeit dauerhaft eingeschränkt ist, können aufgrund ihrer Druckgeschwüre zum Dauerpflegefall werden.

Erkennung/Untersuchungen

Erkannt wird ein Dekubitus über die klinische “Blickdiagnose”, das sich zeigt als geröteter, nicht-wegdrückbarer und schmerzhafter Bezirk schließlich mit Substanzdefekt (Ulzeration) des Gewebes.

Therapie

Eine erfolgreiche Dekubitustherapie orientiert sich an einigen grundsätzlichen Prinzipien:

  • Wiederherstellung einer ausreichenden Sauerstoffversorgung des betroffenen Gebietes mittels vollständiger Druckentlastung.
  • Entfernen des abgestorbenen Gewebes durch chirurgischer Abtragung, oder bei dünnen nekrotischen Belägen durch den Einsatz von enzymatischen Salben (z.B. Iruxol). Diese spalten die abgestorbenen Eiweißkörper in wasserlösliche Stoffe, die dann beim Verbandswechsel mit geeigneten Spüllösungen aus der Wunde herausgespült werden.
  • Auswahl von geeigneten Wundverbänden, die gute Bedingungen für eine Wundheilung schaffen. Es gibt mittlerweile eine große Auswahl an unterschiedlichen Wundauflagen, die insbesondere für die Versorgung von Druckgeschwüren und chronischen Unterschenkelgeschwüren entwickelt wurden (z.B. Cutinova, Comfeel, Tenderwet usw.). Diese Verbandmaterialien sind zwar erheblich teurer als die traditionellen Materialien aus Verbandmull, jedoch müssen sie weniger häufig gewechselt werden, führen zu einer schnelleren Abheilung der Wunde und sind für den Patienten komfortabler.
  • Behandlung oder Ausschalten der Risikofaktoren, z.B. Verbesserung des Allgemein- und Ernährungszustandes, Mobilisation.

Vorsorge

Bei gefährdeten Personen sollte die Haut regelmäßig auf Rötungen untersucht werden, am besten eignet sich dabei das Betten und die Körperpflege. Eine Rötung, die nach 20 Minuten nach Entlastung nicht verschwindet, ist ein erstes Anzeichen für einen beginnenden Dekubitus.

Da die Hauptursache für die Dekubitusentstehung der Druck ist, steht die Druckentlastung der gefährdeten Stellen an erster Stelle. Dies erfolgt durch frühzeitige Mobilisation der betroffenen Personen, eine entsprechende Lagerung und den Lagerungswechsel in festgelegten Intervallen.

Mobilisation (mobilitare, etwas in Bewegung bringen):

Mobilisation bedeutet nicht nur das Aufstehen aus dem Bett, sondern sämtliche Maßnahmen, die die Bewegung des Patienten fördern, also auch Bewegungsübungen, die im Bett durchgeführt werden.

Lagerung:

Ziel einer angemessenen Lagerung ist es, das Gewicht des Patienten auf eine größtmögliche Fläche zu verteilen. Dadurch wird der Auflagedruck auf die einzelnen Körperstellen so gering wie möglich. Neben der Lagerung auf einer Normalmatratze mit Hilfsmitteln, kann man den Patienten auch auf Spezialmatratzen oder gar Spezialbetten lagern. Man darf jedoch bei allem nicht aus den Augen verlieren, dass die Spontanbewegungen des Patienten nicht gehemmt werden dürfen und man ihn durch ein Übermaß an Lagerungshilfsmitteln in seiner Beweglichkeit einschränkt.

Lagewechsel:

In feststehenden Zeitabständen muss der Patient umgelagert werden. Nur damit erreicht man eine völlige Druckentlastung der gefährdeten Hautbezirke. Der Abstand sollte zwei Stunden nicht überschreiten, da nach dieser Zeit irreparable Hautschäden nicht auszuschließen sind. Bei entsprechenden Risikofaktoren muss das Umlagern mitunter noch öfter stattfinden. Man wechselt in der Regel zwischen linker und rechter 30° Schräglage und der Rückenlage. 135° Bauchlage wird nur von wenigen Patienten akzeptiert und sollte auch nicht länger als eine Stunde beibehalten werden.

Da man bei der Lagerung von Patienten wichtige Regeln beachten muss und bei bestimmten Erkrankungen nicht jede Lagerungsart durchführen darf, ist es unbedingt notwendig, sich von ausgebildetem Fachpersonal in der Durchführung der unterschiedlichen Methoden schulen zu lassen. Ansonsten besteht die große Gefahr, den Zustand der betroffenen Person zu verschlechtern.

Lagerungshilfsmittel:

Spezialmatratzen und Antidekubitussysteme werden in einer Vielzahl auf dem Markt angeboten. Viele dieser Hilfsmittel können von Firmen oder Sanitätshäusern gemietet werden. Hierbei gilt ebenfalls, dass man sich bei der Auswahl der geeigneten Mittel von erfahrenem Fachpersonal beraten lässt.

Ernährung:

Eine wesentliche Rolle spielt die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung eines guten Ernährungszustandes. Die Patienten haben in den meisten Fällen einen erhöhten Eiweiß- und Kohlenhydratbedarf, der mittels einer geeigneten Diät gedeckt werden muss.
Ebenso wichtig wie eine ausreichende Ernährung ist es, auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten.

Hautpflege:

Die Hautpflege dient dem Schutz der Haut vor schädlichen Einflüssen und sollte sorgfältig und regelmäßig durchgeführt werden. Da feuchte Haut schnell aufweicht und anfälliger ist, ist darauf zu achten, dass die Haut bei der Körperpflege immer ordentlich abgetrocknet wird. Bei starkem Schwitzen muss entsprechen oft die Wäsche gewechselt werden. Hautpflege trägt zur Dekubitusverhütung bei, ersetzt jedoch nicht die regelmäßige Druckentlastung.

Nutzlose bzw. schädliche Maßnahmen:

Fönen. Früher war man der Ansicht, auf diese Weise die Durchblutung der Haut zu steigern und somit die Heilung zu fördern. Ein günstiger Effekt ist jedoch wissenschaftlich erwiesen, dass man mit dieser Methode dem Gewebe nur noch mehr Schaden zufügt!

Fettsalben wie Melkfett verstopfen die Hautporen, dadurch kann die Haut nicht mehr vernünftig atmen und der Wärmehaushalt wird gestört!

Häufige Fragen

Wie lange dauert die Behandlung eines Dekubitus?
Die Behandlungsdauer hängt von dem Ausmaß der Schädigung ab. Bei einem ausgedehnten und tiefen Defekt kann die Heilung einen sehr langen Zeitraum in Anspruch nehmen.

Muss man mit einem Dekubitus ins Krankenhaus?
Es hängt auch bei dieser Frage vom Ausmaß des Schadens und vom Allgemeinzustand des Patienten ab. Bei ausgedehnten Druckgeschwüren ist der Gesamtzustand des Patienten oftmals so schlecht, dass ein Krankenhausaufenthalt notwendig ist. Eine chirurgische Versorgung des Dekubitus findet ebenfalls im Krankenhaus statt.

Jedoch ist ein Dekubitus an sich kein Grund, die betroffene Person nicht zu Hause zu pflegen. Laut Sozialgesetzbuch 5, § 37 besteht Anspruch auf häusliche Krankenpflege, um einen Krankenhausaufenthalt zu vermeiden oder verkürzen, bzw. wenn dies zur Sicherung des ärztlichen Behandlungsziels erforderlich ist.

Kann man mit einem Dekubitus baden?
Da es sich eine infizierte Wunde handelt, sollte man – auch hier wieder abhängig vom Ausmaß und Schweregrad – davon absehen. Es gibt jedoch bestimmte Wundverbände, die es möglich machen zu baden. Duschen kann man dagegen schon eher, vorausgesetzt natürlich, dass es dem Patienten entsprechend gut geht.

Wichtige Adressen

Deutsche Dermatologische Gesellschaft
Hauptstr. 7
79104 Freiburg/Br.
Tel. 0761 2706716
Fax 0761 2706936

Kategorie: Krankheiten
© 1997-2017 | -