Nikotinsucht

Rauchen gefährdet die Gesundheit – das steht auf jeder Zigarettenpackung, die derzeit in Deutschland zu haben ist. Keiner der 24 Millionen Deutschen, die täglich zum Glimmstängel greifen, kann diese Warnung des EG-Gesundheitsministers übersehen haben. Tatsächlich versuchen 80% aller Raucher mindestens einmal im Leben mit dem Rauchen aufzuhören. Doch die Rückfallquote ist extrem hoch: Nur 1 bis 5% dieser Ausstiegswilligen schaffen den Übertritt ins Nichtraucher-Lager. Der Grund: Nikotin – eine Substanz aus der Tabakpflanze, die Christoph Kolumbus 1493 in Europa einführte – gehört zu den Substanzen, die am schnellsten süchtig machen. Etwa die Hälfte aller Raucher kann als suchtkrank bezeichnet werden.

Nikotinsucht: Ursachen/ Risikofaktoren

Warum schaffen nur so wenige Raucher die Entwöhnung?
Die Gründe liegen – wie bei der Abhängigkeit von anderen Drogen – auf psychischer und auf physischer Ebene. Entwöhnungstherapien, die an beiden Ebenen zugleich ansetzen, haben sich deshalb bisher am besten bewährt.

Besonders interessant sind die Ergebnisse aktueller Forschungen zur physischen Abhängigkeit vom Nikotin. Sie zeigen, dass Tabakkonsumenten nicht einfach nur der “Macht der Gewohnheit” verfallen sind, sondern dass besonders die physischen Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Der Nikotin-Flash verursacht zwar keinen Rauschzustand – wie etwa der Alkohol – hat aber dennoch einen entscheidenden Einfluss auf die Stoffwechselprozesse im Gehirn. Umstritten ist immer noch, wie hoch der Anteil der physischen Abhängigkeit bei der Nikotinsucht tatsächlich ist. Es hat sich aller-
dings erwiesen, dass Entwöhnungstherapien, die gleichzeitig physische und psychische Prozesse berücksichtigen, die Erfolgschancen für den Ausstieg um bis zu 50% erhöhen können.

Physische Abhängigkeit

Experten vergleichen die Wirkung von Nikotin im Gehirn mit einem Dirigenten, der wie in einem Konzert auf die verschiedenen Instrumente einwirkt. Nikotin spricht gleichzeitig ganz verschiedene sogenannte funktionale Strukturen des Gehirns an. Es wirkt einerseits auf das “Belohnungszentrum” – eine entwicklungsgeschichtlich sehr alte Struktur, die den Menschen für Basics wie Essen, Trinken und Sex mit Glücksgefühlen “belohnt”. D.h. : Zigaretten machen glücklich – wie sonst nur ein liebevoller Kuss oder ein gutes Essen !
Andererseits wirkt Nikotin auf die Region im Gehirn, wo vor allem verstandesmäßige Funktionen wie Lernen, Gedächtnis und Aufmerksamkeit angesiedelt werden (präfrontaler Cortex). Dadurch wird verständlich, dass viele Tabakkonsumenten sich bei einer Zigarette oder einer Prise Schnupftabak “besser konzentrieren” können. Ein weiterer Aspekt ist die Vermehrung von Nikotinrezeptoren bei chronischen Rauchern.

Psychische Abhängigkeit

Für die psychische Abhängigkeit von der Zigarette, der Zigarre, Pfeife oder vom Schnupftabak sind im wesentlichen die gleichen psychischen Prozesse verantwortlich, die auch bei anderen Abhängigkeiten von Drogen eine Rolle spielen. Die “Macht der Gewohnheit” bzw. die Assoziation von bestimmten Schlüsselreizen mit dem Bedürfnis nach der Zigarette sind hier ganz wesentlich. Besonders in Stresssituationen verspüren Nikotinabhängige verstärkt das Bedürfnis nach einer Zigarette “zur Entspannung”. Und wenn das Problem gemeistert ist, folgt die Zigarette “zur Belohnung”.

Auswirkungen

Die gute Nachricht (für Nikotinabhängige): Raucher haben ein geringeres Risiko, an Altersdemenz zu erkranken. Die schlechte Nachricht: Raucher haben eine eingeschränkte Lebenserwartung.

Allein die durch Rauchen verursachten Lungenkrankheiten gehören zu den 10 häufigsten Todesursachen weltweit. Dazu zählen die chronisch obstruktive Bronchitis (COPD) und der Lungenkrebs. Die COPD wird Schätzungen zufolge im Jahr 2020 auf Platz 3 der Todes-
ursachenstatistik weltweit vorrücken. Lungenkrebs auf Platz 5.Mit dem Rauchen werden auch zahlreiche andere Krebsarten in Zusammenhang gebracht, darunter:

  • Zungen/Mundhöhlenkrebs
  • Speiseröhrenkrebs
  • Magen/Darmkrebs
  • Blasenkrebs

Zu den gesundheitlichen Risiken gehören außerdem:

  • Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) und ihre Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall
  • “Raucherbein” d.h.: irreversible Durchblutungsstörungen, die an den Extremitäten (Raucherbeine, Raucherhände) schwere Folgen haben können. In schweren Fällen kann dies zu Amputationen führen.
  • Beklemmungsgefühle im Brustbereich durch Gefäßverengung am Herzen (Angina pectoris)
  • Kreislaufbeschwerden
  • Magenschleimhautreizungen (Gastritis)
  • Impotenz
  • Müdigkeit und Nervosität
  • Beschleunigung der Hautalterung

Besonders schädlich ist der Nikotinkonsum während der Schwangerschaft. Die schlechtere Durchblutung des Kindes im Mutterleib hat eine allgemeine Entwicklungsbeeinträchtigung und gehäufte Frühgeburtenrate zur Folge. In diesem Zusammenhang wird als eine mögliche indirekte Folge auch das überdurchschnittliche Auftreten eines plötzlichen Kindstodes (sudden infant death – SID) erwähnt.

Erkennung/Untersuchungen

Ab und zu eine Zigarette in Gesellschaft, oder zum Espresso nach einem guten Essen: für die sogenannten “Genussraucher” ist das genug. Der Nikotinabhängige dagegen organisiert seinen ganzen Alltag rund um die Zigarette. Überall wo er sich aufhält, müssen die Zigaretten griffbereit sein. Auf Nikotinentzug reagiert der Nikotinabhängige je nach Veranlagung mit Nervosität, Gliederzittern und teilweise aggressivem Verhalten.
Der “typische” Raucher konsumiert außerdem auffällig große Mengen an koffeinhaltigen Getränken wie Kaffee oder Cola. Denn die verstärken die Lust am Nikotin-Flash zusätzlich.
Wie viele Zigaretten pro Tag ein Raucher konsumieren muss, um als suchtkrank zu gelten, ist interindividuell verschieden. Um einschätzen zu können, wie stark die eigene Abhängigkeit von der Zigarette tatsächlich schon ist, ist in jedem Fall ein Gespräch mit dem Hausarzt zu empfehlen. Eine grobe Einstufung des Abhängig-
keitsgrades ist auch mit einem Rauchertest möglich.

Therapie

Die Angebote für die Raucherentwöhnung sind vielfältig. Sie reichen von der Methode “reine Willenkraft” bis zur Pharmakotherapie mit Nikotin-Ersatzpräparaten oder der Anti-Raucher-Pille. Sehr wichtig für die Motivation sind Beratungsgespräche mit dem Arzt, Nikotinentwöhnungsgruppen oder Selbsthilfegruppen.

  • Nikotinersatztherapie: In Form von Pflastern oder Kaugummis wird dem Körper Nikotin zugeführt, das über die Haut, bzw. Schleimhaut aufgenommen wird. Es hält die beim Nikotinabhängigen vermehrten Rezeptoren in Laune und soll die Erfolgschancen einer Entwöhnung verdoppeln. Je nach Packungsgröße und Nikotinmenge kosten die Pflaster für ca. 1 Woche zwischen ca. 20 und 40 Euro.
  • Akupunktur: Bei dieser Methode aus dem alten China werden in der Regel Nadeln in die 3 Suchtpunkte des Ohres gesetzt. Die Suchtpunkte werden zuvor vom Akupunkteur mit dem stumpfen Ende der Nadel aufgesucht. Der Nikotinabhängige behält diese Nadeln eine Weile. Die Methode soll bei circa 50% der Raucher ansprechen, dann das Verlangen nach der Zigarette dämpfen und die Entzugserscheinungen mildern. Zur Raucherentwöhnung werden 2 bis 5 Sitzungen benötigt, wobei eine einzelne Anwendung ca. 50 Euro kostet.
  • Hypnose: Bei der Hypnose wird der Raucher in einen Trance-Zustand versetzt und der Hypnotherapeut wirkt auf das Unterbewusstsein des Rauchers ein. Dabei sollen zunächst die typischen Rauchersituationen analysiert werden und gedankliche Alternativen gefunden werden. Die Therapeuten können dann das Rauchen mit unangenehmen Vorstellungen verknüpfen (z.B. dem Gefühl Asche im Mund zu schmecken). Des weiteren sprechen sie positive Gefühle an Nichtrauchersituationen an. Um Erfolg zu erzielen sind meist mehrere Sitzungen nötig. Die Erfolgsquoten sind stark schwankend in einem Bereich von ca. 30-80%.
  • Willenskraft: Alle Entwöhnungsansätze, die auf reiner Willenskraft berufen werden als sogenannte “Schlusspunkt-Methode” bezeichnet. Circa 80% aller Raucher versuchen es ganz allein mit dieser Methode. Ohne Begleitmaßnahmen wie Beratungsseminare, Selbsthilferatgeber, ärztlichen Gespräch und Nikotinersatztherapie hat sie allerdings mit 5% die niedrigste Erfolgsquote.
    – Anti-Raucher-Pille: Mitte des Jahres soll sie auch in Deutschland erhältlich sein – das neue Medikament wird schon in den USA und Holland zur Behandlung der Nikotinsucht eingesetzt. Verschrieben wird die nikotinfreie Pille als Antidepressivum, das erstmals die Suchterscheinungen im Rauchergehirn abgeschwächt. Weltweit nahmen schon 5 Millionen Raucher die Pille ein, die täglich soviel wie eine Schachtel Zigaretten kosten soll. Experten sind davon überzeugt, dass man auf ein parallel laufendes Motivationsprogramm keinesfalls verzichten dürfe. Vor allem Vielraucher, die mehr als 20 Zigaretten täglich rauchen und bei denen andere Behandlungsversuche nicht zum Erfolg führten sind geeignete Kandidaten für die Anti-Raucherpille.
  • Verhaltenstherapie: Bei starken Rauchern, bei denen andere Entwöhnungsversuche fehlgeschlagen haben, wird die Verhaltens-
    therapie angewendet: Dabei versucht ein Therapeut bestimmte Schlüsselreize ( z.B. der morgendliche Kaffee) des Abhängigen zu entdecken und Alternativen (z.B. Umstieg auf Tee) zu finden. Ziel ist es die Situationen, die zum Rauchen verleiten zu kontrollieren, die Einstellung des Nikotinabhängigen zu ändern und eventuellen Rückfällen vorzubeugen. Diese Methode dauert zwischen 1-1,5 Monate und hat eine Erfolgsquote von 40-60%. Die Verhaltenstherapie kann gut mit der Anti-Raucherpille kombiniert werden.

Tipps zur Entwöhnung

Die 10 wichtigsten Regeln – modifiziert nach dem Nachrichtenmagazin Focus – um auf Dauer mit dem Rauchen aufzuhören:

  1. Stresskiller: War Stress der Grund fürs Rauchen, sollten Sie alle Rauchutensilien von den stresssauslösenden Situationen fernhalten. Frisches Obst, Saft, Mineralwasser und ab und zu ein Gang an die frische Luft erleichtern zusätzlich nicht zu rauchen.
  2. Gewichtsprobleme: Hört man mit dem Rauchen auf, nimmt mancher relativ rasch mehrere Kilogramm an Gewicht zu. Die Gründe dafür sind zweierlei: Zunächst wird der Stoffwechsel ohne Rauchen in seiner Grundgeschwindigkeit gesenkt und des weiteren liegt der Griff zu Nahrungsmitteln als Ersatzbefriedigung nahe. Diesen Extra-Kilos kann man aber leicht mit etwas körperlicher Aktivität zu Leibe rücken. Es muss dabei nicht viel sein, aber regelmäßig. Naschen sollte man möglichst fettfreie Lebensmittel und viel Wasser trinken, damit man das Hungergefühl im Magen umgeht.
  3. Motivation stärken: Gezielte Veränderung der alten rauchbezogenen Umgebung. Machen Sie sich bewusst, dass schon wenige Tage nach dem Aufhören sich Geruchs- und Geschmackssinn bessern, dass Sie für ihre Lunge Gutes tun und sie generell fit werden.
  4. Alternativen finden: Die Hauptaufgabe ist rauchfreie Alternativen in Verführungssituationen zu finden. Diese sind sehr vielfältig: Geschicklichkeitsspiele für die Hände, Zähneputzen, um rauchfeindlichen Geschmack im Mund zu haben und Ablenkung durch anregende Gespräche, etc.
  5. Wetten abschließen: Wenn Sie sowieso gerne mal mit Freunden um etwas Wetten – warum nicht darum, dass Sie es schaffen mit dem Rauchen aufzuhören? Damit machen Sie Ihr Vorhaben öffentlich und setzen sich selbst auch unter Druck.
  6. Freunde, Partys, etc.: Sagen Sie ruhigen Gewissens Situationen ab, in denen Sie genau wissen, dass Sie zum Rauchen verführt werden.
  7. Sport – Sport – Sport: Regelmäßige Bewegung hebt die Stimmung und senkt das Rauchverlangen. Besonders zu empfehlen sind Mannschaftssportarten wie Schwimmen, Fußballspielen und Volleyball.
  8. Vernichten der Raucherutensilien: Aschenbecher, Feuerzeuge und Zigaretten haben in Ihrer unmittelbaren Umgebung nun nichts mehr verloren. Sie stellen nur ständige Reizsituationen dar.
  9. Verwöhnen und Belohnen: Angenehme Tätigkeiten lenken vom Rauchverlangen ab. Denken Sie darüber nach, wie Sie sich ablenken können.
  10. Rückfälle verkraften: Rückfälle gehören unter Umständen zu Ihrem Weg Nichtraucher zu werden. Lassen Sie sich nicht so schnell entmutigen, denken Sie aber genau darüber nach, warum Sie rückfällig wurden.

Vorsorge

Rauchen gehört – wie Alkohol – zu den sogenannten legalen Drogen. Die gesellschaftliche Akzeptanz für den Tabakkonsum aber sinkt auch in Deutschland rapide. Staatliche Aufklärungskampagnen und Einschränkungen der Zigarettenwerbung, die zunehmende Verbreitung von Nichtraucherzonen in öffentlichen Gebäuden und Restaurants zeigen Wirkung.

Dennoch steigt der Tabakkonsum gerade unter Jugendlichen wieder an. Auch soziale Stressoren wie Arbeitslosigkeit zeigen offensichtlich einen engen Zusammenhang zum Tabakkonsum – wie zu anderen Suchtkrankheiten.

Die beste Vorsorgemaßnahme gegen Nikotinabhängigkeit: auch auf den gelegentlichen Griff zum Glimmstängel sollte man verzichten. Sonst besteht immer die Gefahr, in Krisensituationen doch noch eine psychische und physische Abhängigkeit zu entwickeln.

Mediziner der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf konnten vor kurzem ein Enzym ausfindig machen, dass eine wesentliche Rolle bei der von Rauchern so gefürchteten Gefäßverkalkung spielt. Dieses Enzym (NO-Synthase) hat eigentlich eine schützende, gefäßerweiternde Funktion. Beim Raucher bewirkt es das Gegenteil: es wirkt gefäßverengend.

Die Wissenschaftler erhoffen sich nun, die Fehlfunktion dieses Enzyms bei Rauchern gezielt zu beeinflussen, und so die Gefäßverkalkung bei Nikotinabhängigen zu bremsen.

Häufige Fragen

Warum haben Raucher einen erhöhten Bedarf an Vitamin C?
Vitamin C ist ein sogenannter “Radikalfänger”. D.h. es bindet aggressive Sauerstoffteilchen, die bei verschiedenen Stoffwechselprozessen im Körper entstehen. Durch Tabakkonsum fallen diese aggressiven Stoffe vermehrt an: der Vitamin C – Bedarf des Nikotinabhängigen ist darum erhöht.

Sind Karotten für Raucher tabu?
Karotten enthalten eine Vorstufe von Vitamin A (Provitamin A). Ähnlich wie beim Vitamin C ging die Forschung bis vor kurzem davon aus, dass Vitamin A – ebenfalls ein Radikalenfänger – die gesundheitlichen Risiken der Nikotinabhängigkeit vermindert.
Neuere Studien haben nun ergeben, dass Raucher, die regelmäßig Vitamin A Präparate einnahmen, im Gegenteil ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko hatten. Die ursächlichen Zusammenhänge sind bisher noch nicht erforscht. In den Vitaminpräparaten, die speziell für Raucher bestimmt sind, ist deshalb kein oder sehr wenig Vitamin A enthalten. Für Raucher wird eine zusätzliche Einnahme von speziellen Vitamin-A-Präparaten als nicht sinnvoll bezeichnet. Also Karotten – Ja – aber nicht in rauhen Mengen.

Ist Passivrauchen wirklich gefährlicher als selbst zu rauchen?
Selbstverständlich nicht, da der Aktiv-Raucher die schädlichen Stoffe aus der Zigarette in wesentlich höheren Dosen inhaliert, als der Passiv-Raucher. Dennoch haben Passivraucher in vielen Bereichen ein ähnlich erhöhtes Gesundheitsrisiko wie Raucher. Dies ist natürlich abhängig von der Dauer und der Menge des blauen Dunstes, dem sie ausgesetzt sind.

Wichtige Adressen

Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg
Im Neunheimer Feld 280
69120 Heidelberg
Hotline zur Raucherentwöhnung:
Mo.-Fr. 15-19 Uhr – 06221/424200

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Ostmerheimer 220
51109 Köln
Infotelefon:
Mo.-Do. 10-22 Uhr und Fr.-So. 10-18 Uhr – 0221/892031

Kategorie: Krankheiten
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