Ess-Brech-Sucht – Bulimia nervosa

Mit dem unschönen, aber sehr zutreffenden Ausdruck „Fress-Kotz-Anfall” wird das herausragende Symptom der Ess-Brech-Sucht oder Bulimia nervosa (Bulimie wörtlich übersetzt bedeutet Ochsenhunger) beschrieben. In wahren Fressrausch werden manchmal zehntausend Kalorien in einer Sitzung aufgenommen Anschließend wird die Nahrungsmenge oft durch selbst herbeigeführtes Erbrechen „entsorgt”. Meist erkranken junge Mädchen und Frauen – das prominenteste Beispiel ist die tödlich verunglückte britische Prinzessin Diana – aber auch immer mehr Jungen und Männer leiden unter der Erkrankung. Das seelische Leiden durch die psychische Störung ist groß. Viele Kranke sterben durch Suizid.

Bedrohlich: Die Erkrankungszahlen steigen rapide an. Bulimie entwickelt sich zur Volkskrankheit – bis zu 3 Millionen Menschen sollen in Deutschland betroffen sein.

Ursachen/Risikofaktoren

Unter Bulimie leiden in den hochindustrialisierten Ländern der westlichen Welt etwa 2 bis 4% der weiblichen Bevölkerung. Wie bei der Magersucht (Anorexia nervosa) handelt es sich bei den Bulimie-Patienten häufig um Menschen aus der Mittel- oder Oberschicht. Zu über 90% sind Mädchen und junge Frauen betroffen, meist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Aber auch Jungen und junge Männer erkranken zunehmend an Bulimie.

Besonders in Stresssituationen und bei seelischen Spannungszuständen oder „innerer Leere” wird die Essensaufnahme als tröstliche Ersatzhandlung für verleugnete Bedürfnisse erlebt. Andererseits dient das Verschlingen der Nahrung oder auch das gewaltsame Herbeiführen des Erbrechens als Ausdruck unterschwelliger Aggressionen. In diesem Zusammenhang erklärt sich auch die häufig beobachtete Neigung der Patienten, sich in Spannungszuständen geringfügige bis mittelschwere Verletzungen, beispielsweise Schnittwunden an den Unterarmen, zuzufügen.

Die Erkrankung entsteht auf dem Boden einer selbstunsicheren Persönlichkeit, gepaart mit einer starke Impulsivität und einer geringen Frustrationstoleranz. Sie wird als Verhaltensstörung mit Suchtcharakter angesehen. Krankheitsbegleitend ist fast immer eine Wahrnehmungsstörung der eigenen Körperlichkeit (Körperschema- oder Körperbildstörung). Mit der Bulimie vergesellschaftet ist oft eine spezielle Persönlichkeitsstörung, das sogenannte „Borderline-Syndrom”. Wie bei anderen Essstörungen auch deutet vieles daraufhin, dass die Bulimie häufig eine Reaktion auf einen sexuellen Missbrauch ist. Allerdings ist diese Hypothese derzeit nicht zweifelsfrei belegt. Der Bulimie geht oftmals eine Magersucht, manchmal auch ein Übergewicht voraus.

Nicht unterschätzt werden sollte der Einfluss der gesellschaftlichen Schlankheitsideale auf die Entstehung der Krankheit. Begünstigend wirkt auch die Unsicherheit vieler Frauen, die auf konfliktreiche Veränderungen der weiblichen Geschlechterrolle zurückgeführt wird.

Krankheitsbild

Die Bulimia nervosa ist eine psychisch begründete Störung des Essverhaltens, die durch wiederholte Episoden von sogenannten Fressanfällen gekennzeichnet ist. Bei diesen Attacken haben die Betroffenen keine Kontrolle mehr über ihr Essverhalten und die Nahrungsmenge. Im Anschluss an den Nahrungsexzess, bei dem wahllos schier unglaubliche Mengen an Speisen aufgenommen werden, wird oft ein Erbrechen herbeigeführt, um nicht an Gewicht zuzunehmen. Zusätzlich werden Abführmittel missbraucht, Diäten oder Fastenkuren durchgeführt. Die Attacken lassen sich durch die Willenskraft nicht unterdrücken, hinterher sind die Erkrankten häufig niedergeschlagen bis depressiv und voller Schuldgefühle. Zwischen den Essanfällen schränken die Patientinnen die Nahrungszufuhr zumeist extrem ein. Oft leiden die Betroffenen zugleich unter Depressionen.

Im Gegensatz zu Anorexiepatienten sind die Bulimiekranken häufig normal- bis übergewichtig, ihr Körpergewicht durchläuft allerdings häufig wahre Achterbahnfahrten, denn die unvermeidlichen Gewichtszunahmen werden durch strenge Diäten oder Fastenkuren ausgeglichen. Nur bei einem Drittel der Patientinnen wird ein Ausbleiben der Monatsblutung (Amenorrhoe) beobachtet. Wie bei der Magersucht beschäftigen sich die Patienten andauernd und übertrieben mit Figur und Gewicht.

Häufig manipulieren die Patienten ihren Körper zusätzlich durch die Einnahme von Abführmitteln (Laxanzien) harntreibenden Mitteln (Diuretika), Appetitzüglern und sogar mit Schilddrüsenhormonen. Eine bei Bulimiepatienten oft angetroffene Tendenz besteht in selbstschädigendem Verhalten (Zufügen von Verletzungen, Ausreißen der Haare etc.)

Auswirkungen

Wie bei jeder stärker ausgeprägten psychischen Erkrankung bestehen auch bei Bulimie-Patienten je nach Schweregrad Beeinträchtigungen der beruflichen Leistungsfähigkeit, des sozialen Kontakts und der persönlichen Beziehungen. Patienten mit Bulimie haben oft Partnerschaftsprobleme. Kennzeichnend sind ein außerordentlich großes Verlangen, mit dem Partner zu verschmelzen und eine starke Angst, die eigene Unabhängigkeit zu verlieren. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Verhaltensweisen des Erkrankten in der Beziehung oft widersprüchlich.

Auf der körperlichen Ebene ist häufig eine Vergrößerung der Speicheldrüsen (Parotishypertrophie) erkennbar, die durch das wiederholte Würgen und Erbrechen hervorgerufen wird. Durch den Kontakt mit dem stark säurehaltigen Mageninhalt können sich auch Schäden am Zahnschmelz sowie Entzündungen der Speiseröhre (Ösophagitis) und Einrisse der Speiseröhrenwand (Mallory-Weiss-Syndrom) entwickeln. Es werden auch Verletzungen der Speiseröhre beobachtet, die durch die Provokation des Erbrechen mit Gegenständen Stricknadeln, Drähten, Holzstäbchen, etc. entstehen.

Erbrechen und die Einnahme von harntreibenden und abführenden Mitteln führt zum Ungleichgewicht der im Blut gelösten Stoffe (Elektrolytverschiebungen). Durch Kaliummangel (Hypokaliämie) kann es u.a. zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen kommen (Kammerflimmern).

Das Risiko, durch eigene Hand zu sterben, ist gegenüber der Normalbevölkerung erhöht und etwa viermal häufiger als bei Patienten mit Magersucht. Das gilt besonders für Menschen mit gleichzeitig bestehenden Depressionen.

Erkennung/Untersuchungen

Der kritische Punkt an der Diagnosestellung ist, dass die Betroffenen trotz offenkundigen Leidens den ärztlichen Kontakt meiden. Ist ein Patient erst einmal in ärztlicher Behandlung, ergibt sich die Diagnose im wesentlichen aus den Schilderungen des Patienten, bzw. der Angehörigen.

Als Kriterium für eine Bulimie-Diagnose gilt eine Mindesthäufigkeit von 2 Essattacken/Woche über einen Zeitraum von drei Monaten und das regelmäßige Ausüben gewichtsenkender Maßnahmen. Unterschieden wird dabei nach dem sogenannten Purging-Typus, bei dem Erbrechen oder Missbrauch von Laxanzien, Diuretika, Einläufen, etc. besteht und dem Nicht-Purging-Typus, bei dem die Gewichtsabnahme durch Fasten/Diäten und/oder ausgedehnte körperliche Betätigung erfolgt.

Die Bulimie muss von den anderen Essstörungen wie der Magersucht (Anorexia nervosa) und dem Heisshunger-Essen (Binge-eating) abgegrenzt werden. Das ist nicht immer möglich, da viele Patientinnen mit Bulimie anorektische Phasen, d. h. Phasen der Magersucht, aufweisen und umgekehrt. Bei einigen Patientinnen sind die Symptome beider Erkrankungen etwa gleichrangig ausgeprägt.

Im Hinblick auf die Behandlungsplanung ist es notwendig, weitere psychische Störungen oder begleitende psychiatrische Erkrankungen zu erkennen. Neben der Persönlichkeitsstörung „Borderline-Syndrom” müssen auch Erkrankungen wie depressive und Angststörungen und neurotische und psychotische Krankheitsbilder in Betracht gezogen werden. Bulimische Patienten neigen ferner zu Alkohol- und Drogenmissbrauch und sind stärker selbstmordgefährdet.

Therapie

Bestehen körperliche Störungen oder Stoffwechselentgleisungen ist eine körpermedizinische Behandlung vordringlich. Die Verhaltensstörung selbst wird mit psychotherapeutischen Mitteln behandelt. Die eigene Motivation des Patienten ist dabei wie bei den übrigen Essstörungen auch die Voraussetzung einer erfolgreichen Therapie. In erster Linie kommen ambulante Psychotherapien wie die Verhaltenstherapie, die psychoanalytisch orientierte Behandlung oder sonstige Einzel- und Gruppentherapien, bzw. Familientherapien zum Einsatz. Die Teilnahme an Selbsthilfegruppen kann die Psychotherapie begleiten, bzw. Behandlungserfolge stabilisieren. Wenn schwere Persönlichkeitsstörungen, selbstschädigende Verhaltensweisen oder aber eine Suizidgefahr vorliegen kann auch die stationäre Behandlung notwendig sein.

Gelegentlich – und mit wechselndem Erfolg – werden Medikamente eingesetzt. Verordnet werden meist die als Antidepressiva verwendeten Selektiven-Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), z.B. die Wirkstoffe Fluoxetin oder Paroxetin, oder aber das Medikament Imipramin aus der Klasse der sogenannten Trizyklika. Generell lassen sich Psychotherapie und medikamentöse Behandlung miteinander verbinden.

Die Therapie führt durchschnittlich nach zwei Jahren in etwa 2/3 der Fälle zu einer deutlichen Besserung der bulimischen Symptomatik.

Wichtige Hinweise:
In der Regel wird das bulimische Verhalten auch gegenüber engen Freunden verheimlicht. Die Verleugnung hilft niemandem: Einfühlsam, aber bestimmt sollte der Verdacht den Betroffenen gegenüber angesprochen und zu fachärztlicher Betreuung geraten werden.

Vorsorge

Als Eltern versuchen Sie, Ihren Kindern stets ein guter und vertrauensvoller Gesprächspartner zu sein. Nehmen Sie Ihren Kindern den Druck, Ihnen und sich selbst etwas beweisen zu müssen oder nach vermeintlichen Idealen zu streben

Häufige Fragen

Gibt es Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Bulimie und Anorexia nervosa?

In Studien ist versucht worden, Unterschiede in den Persönlichkeitsstrukturen bulimischer und anorektischer Patientinnen und ihren Familien herauszufinden. Dies ist nicht gelungen. Wahrscheinlich gibt es fließende Übergänge zwischen beiden Zuständen. Äußerlich wirken die Mädchen mit einer Bulimie weniger auffällig, zumal sie meist auch normalgewichtig sind. Im Gegensatz dazu fallen die Mädchen mit einer Anorexie durch ihre Magersucht auf.

Wichtige Adressen

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie e. V.
Philosophenweg 3-5
07743 Jena
Tel.: 03641/936581
Fax: 03641/936583

Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e. V.
Postfach 10 19 20
86009 Augsburg
Tel.: 0821/400-2371
Fax: 0821/400-3183

Kategorie: Krankheiten
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