Amalgam-Vergiftung

Amalgame waren und sind die in der Zahnheilkunde am häufigsten verwendeten Füllungsmaterialien. Über die gesundheitlichen Risiken dieser Substanzen wird schon seit Jahren heftig – und nicht immer sachlich –diskutiert. Amalgam ist eine Legierung, die durch Mischen von etwa gleichen Gewichtsanteilen Legierungspulver (bestehend aus Silber, Zinn, Kupfer und Zink) und dem Schwermetall Quecksilber entstehen. Die vom Zahnarzt applizierte plastische Masse ist gut formbar, erhärtet sehr rasch, zeichnet sich durch hohe Verschleißfestigkeit aus, ist kostengünstig und besitzt eine keimtötende (bakterizide) Wirkung, die Sekundärkaries verhindert.

Ursachen/Risikofaktoren

Für mögliche gesundheitliche Risiken des Menschen durch Amalgamfüllungen gibt es im wesentlichen zwei Gründe. Zum einen können Unverträglichkeiten gegen Amalgam auftreten – der Träger von Füllungen entwickelt eine Allergie –, zum anderen besitzt vor allem der Quecksilberanteil toxische Eigenschaften, die bei hohen Konzentrationen zu Vergiftungserscheinungen führen können.

Quecksilber (chemisches Zeichen Hg von Hydrargyrum; englisch mercury) ist ein silberweißes Metall, das bei Raumtemperatur in flüssigem Zustand vorliegt. Abhängig von der Konzentration ist es in allen seinen Bindungsformen giftig. Schon im 18. Jahrhundert kannte man das Berufsrisiko für Quecksilberbergleute, Spiegelmacher und Barbiere, die zur Behandlung von Syphilis-Patienten Quecksilber einsetzten.

Je nach physikalischen und chemischen Eigenschaften unterscheidet man drei Arten: elementares Quecksilber, anorganische Quecksilber-Salze (z. B. Hg-ll-Chlorid) und organische Quecksilberverbindungen (z. B. das in Fischen vorkommende Methylquecksilber).

Aus Amalgamfüllungen wird Quecksilber auf unterschiedlichen Wegen freigesetzt:
Abrieb durch Kaubewegungen: Die Partikel werden vollständig und ohne nachteilige Wirkungen für den Organismus über den Magen-Darm-Trakt ausgeschieden.
Abgabe von ionisiertem Quecksilber, das zu 10 – 15 % in den Blutkreislauf gelangt.
Austritt von Quecksilber als Dampf, der in die Lunge bis zu 80 % aufgenommen wird und dort in das Blut übertritt.

Träger von Amalgamfüllungen kommen in erster Linie mit dampfförmigem Quecksilber in Kontakt. Die höchsten in der Atemluft von Amalgamträgern gemessenen Werte liegen bei etwa 30 Mikrogramm/m3 Luft, der sogenannte MAK-Wert (Maximale Arbeitsplatzkonzentration) ist auf 100 Mikrogramm/m3 festgelegt.

Untersuchungen haben ergeben, dass der Beitrag von Quecksilber aus Amalgamfüllungen zur täglichen Quecksilberzufuhr etwa dem aus Fischprodukten in der Nahrung entspricht. Dieser Vergleich ist allerdings vorsichtig zu bewerten, weil einerseits individuell unterschiedliche Faktoren, wie etwa die Art des Atmens, die Kauaktivität, sowie die Gesamtoberfläche und Lage der Amalgamfüllungen eine wesentliche Rolle spielen, und andererseits durch Fischnahrung überwiegend organische Quecksilberverbindungen aufgenommen werden, die kürzer im Körper verweilen.In “kauaktiven” Phasen (Nahrung, Kaugummi) wird über die Mundatmung rund die Hälfte des aus Amalgamfüllungen freigesetzten Quecksilbers in die Lunge inhaliert. In Ruhephasen sind es dagegen nur etwa 25 %. Auch Rauchen, das Trinken heißer Getränke und sogar Zähneputzen begünstigen eine Quecksilber-Freisetzung aus Zahnfüllungen

Krankheitsbild

Wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass hohe Quecksilberdampf-Konzentrationen (1 – 3 Milligramm/m3) schon bei kurzzeitiger Einwirkung akute Vergiftungserscheinungen wie Lungenreizung, Fieber etc. hervorrufen können. Bei Exposition mit Konzentrationen von 0,1 – 0,2 Milligramm Hg/m3 über längere Zeit treten chronische Vergiftungssymptome auf (Gliederzittern, Reizbarkeit), Begleitsymptome sind Zahnfleischentzündungen, vermehrter Speichelfluß und ein metallischer Geschmack im Mund.

Auch bei einer Exposition unterhalb von 0,1 Milligramm Hg/m3 (das entspricht einer Blutkonzentration von 35 Mikrogramm Hg/l) wurden subjektive Beschwerden wie Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Schwächegefühl und Müdigkeit beschrieben. Ob hier allerdings ein kausaler Zusammenhang besteht, ist wissenschaftlich noch nicht gesichert.

Die durchschnittlichen Quecksilbergehalte im Körper von Amalgamträgern liegen bei etwa 5 Mikrogramm/l Blut. Der Beitrag aus Amalgamfüllungen macht dabei etwa 0,5 – 1,5 Mikrogramm aus, der Rest stammt aus Nahrung, Wasser, Luft und sonstigen Quellen. Obwohl diese Konzentrationen deutlich unterhalb der wissenschaftlich bestätigten toxischen Schwelle für Quecksilber liegen, werden sie vermutungsweise mit einer langen Liste von Symptomen in Zusammenhang gebracht. Ein wissenschaftlich begründeter Beweis für den kausalen Zusammenhang dieser Symptome und Amalgam ist jedoch für den konkreten Einzelfall fast nie zu erbringen.

Kopfschmerzen Gelenkschmerzen Chronische Polyarthritis
Rückenschmerzen Haarverlust Gesichtslähmungen
verschwommenes Sehen Netzhautblutungen unkontrollierbare Augenbewegungen
Reizbarkeit Müdigkeit Schlaflosigkeit
Gedächtnisschwäche und -verlust (Amnesie) Rötungen im Rachenraum verminderte intellektuelle und körperliche Leistungsfähigkeit
Schluckbeschwerden Depressionen Stress-Symptome
Angstgefühle Bronchitis asthmatische Beschwerden
Hauttrockenheit Juckreiz an Händen, Füßen und Körper Ekzeme
Schuppenflechte (Psoriasis) Schwindelgefühle unregelmäßiger Herzschlag
kalte Füße und Finger Magen -Darm-Beschwerden Würgereiz
Sklerose im Gesichtsfeld grauer Ring um die Hornhaut des Auges (Arcus senilis) Zahnfleischbluten
vermehrter Speichelfluss Mundtrockenheit metallischer Geschmack im Mund
Schmerzen im linken Thoraxbereich, in der Lebergegend, in Nieren- und Lungengegend, in der Lendenregion

Einige dieser Symptome können durch allergische Reaktionen gegen Amalgam – also nicht durch die toxischen Wirkungen des Quecksilbers – begründet sein.

Das Auftreten elektrischer Ströme (sogenannte galvanische Ströme) durch das Vorhandensein verschiedener Metalle in der Mundhöhle wird von manchen Wissenschaftlern für die verschiedensten Krankheitssymptome bei Amalgamträgern verantwortlich gemacht. Zwar sind diese Ströme sehr schwach, können aber durchaus unangenehme Empfindungen und Geschmackserlebnisse hervorrufen (“oraler Galvanismus”).

Auswirkungen

Unbestritten ist, dass Amalgam-Füllungen zu erhöhten Quecksilber-Konzentrationen im Körper führen. Uneinigkeit herrscht aber darüber, welche Konzentrationen toxische Schäden hervorrufen und welche Auswirkungen Quecksilber auf einzelne Organe hat.
Quecksilber lagert sich im menschlichen Körper vor allem in der Lunge, im Gehirn, in den Nieren und der Leber ab. Gleichzeitig wird Quecksilber aus dem Körper auch wieder ausgeschieden, so dass sich – insgesamt betrachtet – bei gleichbleibender Aufnahmemenge nach einiger Zeit ein Gleichgewichtszustand einstellt.
In den einzelnen Organen ist die Verweilzeit allerdings sehr unterschiedlich. Die biologische Halbwertszeit (also die Zeit, nach der die Hälfte des Quecksilbers wieder ausgeschieden ist) reicht von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten. Die bei weitem längste biologische Halbwertszeit hat Quecksilber im Gehirn: einige Quellen sprechen von 13 – 28 Jahren.

Soweit bekannt, beruht die toxische Wirkung des Schwermetalls Quecksilber vor allem auf der Hemmung bestimmter Enzyme, die für die Aufrechterhaltung des osmotischen Drucks in der Zelle verantwortlich sind. Ist dieser gestört, kann es – insbesondere bei Nervenzellen – zu massiven Fehlfunktionen kommen.

Erkennung/Untersuchungen

Patienten mit Anzeichen für Überempfindlichkeitsreaktionen (Allergie) gegen Amalgam bzw. Quecksilber sollten sich von einem Allergologen untersuchen lassen. Durch einen Epikutantest, bei dem die Substanz mittels eines Pflasters auf die Haut aufgebracht wird, kann festgestellt werden, ob tatsächlich eine Überempfindlichkeit vorliegt. Bei einer nachgewiesenen Amalgam-Allergie – sie besteht bei schätzungsweise 0,1% der Bevölkerung – übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für den Ersatz der Amalgamfüllungen durch Kunststoff.

Der Gehalt von Quecksilber im Speichel kann durch den sogenannten Kaugummitest ermittelt werden, der inzwischen auch schon von vielen Apotheken angeboten wird. Dieser Test misst allerdings nur die aktuell freigesetzte Menge an Quecksilber und sagt nichts über die Konzentration des Schwermetalls in den unterschiedlichen Organen.

Auch die Messung der Quecksilber-Konzentration in Blut und Urin ist umstritten, da erhöhte Konzentrationen in den Organen unberücksichtigt bleiben. Durch einen sogenannten Mobilisationstest kann das organgebundene Quecksilber jedoch durch einen Chelatbildner, z. B. DMPS (2,3-Dimercaptopropyl-1-sulfonat), freigesetzt und im Harn oder Blut gemessen werden. Allerdings ist auch diese Methode zum Nachweis einer Quecksilber-Vergiftung nicht allgemein anerkannt.

Anhand der Symptome lässt sich eine chronische Amalgam-Vergiftung nur schwer erkennen, da diese sehr diffus sind, bei zahlreichen anderen Erkrankungen vorkommen und oft schleichend über einen langen Zeitraum entstehen.
Es gibt also keine allgemein anerkannten Kriterien für eine Vergiftung durch Amalgam-Quecksilber.

Therapie

“Amalgam-Plomben raus und alles wird gut”? So einfach ist es leider nicht, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens – das Quecksilber ist in den Organen gespeichert und wird nur nach und nach freigegeben; die Entfernung der Füllungen bewirkt allerdings, dass weniger Schwermetall “nachgeliefert” wird. Zweitens – beim Entfernen der Füllungen werden erhebliche Mengen an Quecksilber freigesetzt, die zusätzlich zur Belastung beitragen. Drittens – die Amalgam-Alternativen sind nach Ansicht einiger Experten in Bezug auf Giftigkeit und allergenes Potential auch nicht ganz unbedenklich. Viertens – die Haltbarkeit und die Qualität der Randzonen (Übergang zwischen Füllung und Zahn) der alternativen Materialien sind nach Meinung mancher Fachleute (noch) nicht befriedigend. Fünftens – die Kosten für Material und Verarbeitung der Alternativmaterialien liegen deutlich höher.
Bei Amalgam -Allergikern ist ein Ersatz der Füllungen sicherlich eine sinnvolle Maßnahme (und wird von den Kassen bezahlt), da der Stoff, der das Immunsystem reizt, reduziert wird. Auch bei einer (nachgewiesenen) Nierenfunktionsstörung sind die Kassen bereit, die Kosten für den Amalgamersatz zu übernehmen.

Dagegen herrscht bei Verdacht auf Amalgamvergiftung Uneinigkeit darüber, ob alle Füllungen (also auch die intakten) möglichst schnell oder eher nach und nach (im Zuge der Zahnerhaltung) entfernt werden sollen. Die Diskussion darüber ist in vollem Gange.
Fest steht, dass bei der Entfernung der Amalgamfüllungen verhältnismäßig große Mengen an Quecksilber frei werden, die für einige Tage bis Wochen auch in Blut und Urin nachweisbar sind und den Organismus zusätzlich belasten.
Auf jeden Fall sollte bei der Entfernung der Füllungen eine Hochleistungs-Sauganlage mit Abluftführung eingesetzt werden, da sich durch das Bohren Zahn und Füllung erwärmen und dadurch vermehrt Quecksilber in den gasförmigen Zustand übergeht und als Dampf eingeatmet wird. Um die Erwärmung möglichst gering zu halten, sollte der Zahnarzt nur mit niedrigen Drehzahlen und mit “Kühlpausen” bohren.
Eine zusätzliche Schutzmaßnahme ist ein “Kofferdam”, ein Kunststofftuch, das den Niederschlag von Quecksilber auf Haut und Zähne verhindern hilft.

Als Amalgam-Alternativen werden von der Industrie derzeit mehr als 50 Füllsubstanzen angeboten, darunter die Komposites und Kompomere (neuerdings anorganisch-organische Hybridpolymere). Bei einigen der Ersatzmaterialien tritt allerdings das Problem auf, dass durch Schrumpfungsprozesse die Ränder zwischen Füllung und Zahn nicht dicht sind und Herde für Karies entstehen können. Vorteilhaft hingegen ist, dass es sich um weiße Füllungen handelt und dass zur Verankerung des Materials deutlich weniger gesunde Zahnsubstanz entfernt werden muss als bei Amalgam. Allerdings stellen die neuen Materialien höhere Anforderungen an den Zahnarzt und sind deutlich teurer als Amalgam. Langzeiterfahrungen in Bezug auf Verträglichkeit und Haltbarkeit liegen naturgemäß noch nicht vor.
Bewährte Alternativen sind auch die sogenannten Inlays aus Metall oder Keramik, die aber etwa 10 mal so teuer sind wie Amalgam und von den Kassen nicht bezahlt werden.

Welche Möglichkeiten gibt es, das bereits im Körper vorhandene Quecksilber wieder “auszuschwemmen”? Eine – wie fast immer beim Thema Amalgam – nicht unumstrittene Methode ist die Ausleitung mit DMPS (2,3-Dimercaptopropyl-1-sulfonat), einem Chelat-Bildner, der Quecksilber komplexiert und hilft, es über die Nieren auszuscheiden. Problematisch dabei ist, dass DMPS nicht nur Quecksilber bindet, sondern auch Kupfer und Zink, also “gute” Metalle, die für den Körper essentiell sind. Daher sollte eine solche Maßnahme auf jeden Fall mit einem erfahrenen Arzt abgesprochen und von ihm kontrolliert werden

Vorsorge

Eine einfache, aber auch teure Art der Vorsorge ist der Verzicht auf Amalgamfüllungen und die Wahl eines alternativen Füllmaterials. Ob bereits bestehende Amalgamfüllungen vorsorglich – d. h. ohne erkennbare Beschwerden – entfernt werden sollen, darüber herrscht Uneinigkeit in der Fachwelt. Die WHO und der Weltzahnärzteverband (FDI) stellen in einer gemeinsamen Erklärung fest, dass “laut aktuellem Kenntnisstand … die derzeit vorhandenen Restaurationsmaterialien, einschließlich Dentalamalgam, als sicher und zuverlässig zu betrachten (sind)”. Und das ehemalige Bundesgesundheitsamt (BGA) erklärt in einer 1992 veröffentlichten Pressemeldung: “Es wird … vom BGA nicht empfohlen, bereits vorhandene Amalgamfüllungen durch andere Füllwerkstoffe ersetzen zu lassen, wenn nicht im Einzelfall, etwa bei allergischen Reaktionen, ein Einsatz geboten ist.”

Wichtige Adressen

Die Beratungsstelle für Amalgam- und Zahnmetallgeschädigte verschickt zu dieser Thematik umfangreiches Informationsmaterial, informiert über Untersuchungsmethoden und gibt Patienten bei Fragen und Problemen Hilfestellung.
Waltraud Nitsche, Friedlandstr. 2 c, 26871 Papenburg
Tel/Fax: 04961 / 73731
Zeit: Mo. – Do. von 10 – 12 Uhr

PFAU Patientenverband für Amalgam- und Umweltgiftgeschädigte e. V.
Steinstr. 23, 76137 Karlsruhe
Tel/Fax. 0721/386404
email: pfau-ev@gmx.de
http://www.home.fh-karlsruhe.de/~stmi0012/shga.html

Bundesweites Amalgam-Beratungstelefon im Institut für Naturheilverfahren
Uferstr. 1
35037 Marburg
Beratungstelefon 06421/68 43 20 (täglich 9.00-17.00 Uhr)

Interessengemeinschaft der Zahnmetallgeschädigten e.V.
Postfach 1222
35612 Hüttenberg-Rechtenbach
Tel. 06441/74743, Fax: 06441/730 21

Wissenschaftliche Beratungsstelle Ber-U-dent in München
Die wissenschaftliche Beratungsstelle für Unverträglichkeitsreaktionen auf Dentalmaterialien (Ber-U-dent) steht allen betroffenen Patienten offen. In Zusammenarbeit der Bayerischen Landeszahnärztekammer (BLZK) mit der Universitätszahnklinik München wurde diese Beratungsstelle eingerichtet.
Neben klassischen Nachweismethoden stehen eine Reihe neuartiger Testverfahren zur Verfügung, die teilweise noch geprüft werden.

Kategorie: Krankheiten
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