Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS)

Die Abkürzungen ADS oder ADHS stehen für Aufmerksamkeits-Defizit- (und Hyperaktivitäts)-Störung. Nach heutiger Auffassung ist ADHS das Resultat einer fehlerhaften Informationsverarbeitung zwischen einzelnen Hirnabschnitten. Eine wesentliche Rolle spielt dabei der Nerven-Botenstoff Dopamin. Mindestens die Hälfte aller ADHS-Fälle soll genetisch bedingt sein. Das Lebensumfeld, in dem die betroffenen Kinder aufwachsen, kann diese Anlagen verstärken oder abschwächen; auch Zigarettenrauchen, Stress und Alkohol während der Schwangerschaft haben einen Einfluss auf die Krankheitsentstehung.

Ältere Bezeichnungen für das gleiche Krankheitsbild sind unter anderem “Frühkindliche leichte Hirnschädigung” oder “Hyperkinetisches Syndrom (HKS)”. Die Störung bezieht sich keineswegs nur auf das Kindesalter. Das Erscheinungsbild ist sehr vielgestaltig; es reicht vom bekannten “Zappelphilipp” über brav-träumerische Mädchen (“Traumsuse”), depressiv orientierungslose Jugendliche bis hin zum hochbrillanten zerstreuten Professor.
Je nach Krankheitsausprägung wird die ADHS auch in verschiedene Typen unterteilt: in den vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Typ, den vorwiegend unaufmerksamen Typ und den kombinierten Typ.

Die Verhaltensstörung wurde im Jahr 1845 das erste Mal von dem Frankfurter Nervenarzt Heinrich Hoffmann in dem Buch der “Struwwelpeter” literarisch dargestellt. Aber erst im Jahr 1987 erhielt sie ihre heute noch gültige medizinische Bezeichnung ADHS.

Beratungen, Verhaltens- und Psychotherapien sowie Pharmaka kommen als Therapie in Betracht. Manchmal ist eine Behandlung nur über wenige Jahre, bei einigen Menschen auch lebenslang erforderlich. Ziel ist es, ein “normales Leben” mit guten sozialen Kontakten, einer qualifizierten Ausbildung und damit eine gute Lebensqualität zu erreichen.

Häufigkeit der ADHS

Etwa fünf bis sechs Prozent aller Kinder in Deutschland seien von ADHS betroffen, schätzt die Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte. Ähnliche Zahlen werden auch aus anderen Ländern berichtet. Jungen sind deutlich häufiger betroffen als Mädchen, allerdings zeigt sich ADHS bei beiden anders: Bei Jungen steht meist die Hyperaktivität im Vordergrund (“Zappel-Philipp”), während bei Mädchen eher die Aufmerksamkeit gestört ist (“Träumsuse”). Es ist deshalb auch möglich, dass ADHS bei Mädchen seltener erkannt wird. Bei bis zu zwei Drittel der Betroffenen verschwinden die Symptome nicht, sondern bleiben bis ins Erwachsenenalter bestehen.

Ursachen der ADHS

Man nimmt heute an, dass bei der Aufmerksamkeitsdefizitstörung im komplizierten Zusammenwirken verschiedener Hirnabschnitte im Bereich der Schaltstellen einzelner Hirnzellen (Synapsen) die verantwortlichen Überträgerstoffe (Neurotransmitter) nicht optimal wirken, d.h. es handelt sich in einem gewissen Sinn um eine Stoffwechselstörung im intrazellulären Bereich.

Moderne Untersuchungsmethoden (z.B. die PET = Positron-Emissions-Tomographie) des Gehirns haben entsprechend gezeigt, dass diese Funktionsstörungen vor allem in denjenigen Gehirnabschnitten vorkommen, die für die Aufmerksamkeit, Konzentration und Wahrnehmung, d.h. die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen und Sinneseindrücken verantwortlich sind, vorwiegend also in den sogenannten Stammganglien und im Frontalhirn.

Diese Störungen erklären die bekannten Verhaltensstörungen im Kindesalter und/oder unerklärlich sinkende Schulleistungen. Sekundär kommt es so häufig zum Schulversagen (eventuell erst im Gymnasium oder an der Universität!), zum Außenseitertum bei den Kameraden, zur ständigen Sündenbockrolle in der Familie, später eventuell zu dissozialem Verhalten, Suchtentwicklungen oder gar zu kriminellen Entgleisungen.

Die vor allem bei Knaben auffallende motorische Hyperaktivität („Zappelphilipp!”) kann mit der Zeit nachlassen, wobei dies nicht heißen muss, dass die tiefgreifende Störung nun verschwunden ist. Über die neurobiologische, d.h. primär organische Ursache der ADHS besteht heute kaum mehr ein Zweifel. Ursächlich im Vordergrund steht wahrscheinlich eine bis heute noch nicht genau bekannte genetische Veranlagung, sind doch nicht selten Geschwister, Eltern oder andere Verwandte ebenfalls mehr oder weniger betroffen.
Auch eineiige Zwillinge zeigen häufig parallel gleiche Symptome der ADHS.

Die früher angeschuldete perinatale Hirnschädigung (Sauerstoffmangel bei der Geburt) ist nur selten eindeutig die Ursache einer ADHS, Nahrungsmittelallergien oder -unverträglichkeiten können eventuell eine bestehend motorische Hyperaktivität verschlimmern, sind aber nicht die Ursache der ADHS.

Symptome der ADHS

Als Hauptsymptome der ADHS-Störung sind altersunabhängig folgende Symptome immer vorhanden:

  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung
  • Störung der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung
  • Störung der Gedächtnisbildung (= Abspeicherung, „Vernetzung”)

Diese Menschen sind also leicht ablenkbar, bleiben nie bei der Sache, führen nichts zu Ende, haben keine Ausdauer, hören nicht zu, vergessen rasch, lernen nicht aus begangenen Fehlern, haben Mühe Strategien zu entwickeln, etc. etc…

Als fakultative Symptome einer ADHS (durch mangelhafte Steuerungsmöglichkeiten) stehen im Vordergrund:

  • Motorische Hyperaktivität (kann auch fehlen!)
    Dauernde (evtl. auch nur innere) Rastlosigkeit, ziellose Hyperaktivität, kein Stillsitzen, andauernde Zappeligkeit, evtl. verstärkter Rededrang, Nägelknabbern, Bemalen von Hefträndern, Beknabbern von Bleistiften, etc. etc…
  • Impulsivität
    Unvorhersehbares, unberechenbares Verhalten (Unfallgefahr!), kaum gedacht – schon getan!
  • Erregbarkeit, Irritierbarkeit
    Frustrationsintoleranz, starke Stimmungsschwankungen, Empfindlichkeit gegenüber Kritik, rasches Weinen, große Störanfälligkeit, Wutausbrüche, Aggressivität
  • Mangelhafte emotionale Steuerung
    Zunehmende Selbstwertstörung, dysphorisch bis suizidal, fehlendes oder übersteigertes Einfühlungsvermögen, mangelnde Realitätskontrolle, Mutlosigkeit, Verleugnung von Schwierigkeiten, mangelnde Körperpflege, lange Zeit unreifes und kindisches Verhalten
  • Dissoziales Verhalten
    Außenseiter, wenig Freunde, Streitsüchtigkeit, Schlagen und Raufen, Klassenclown, destruktiv bis kriminelles Verhalten (evtl. in Banden)

Alle diese Primär-Symptome sind unterschiedlich ausgeprägt und sollten beim ADS-Patienten in der Regel vor dem 7. Lebensjahr aufgetreten sein und während mindestens 6 Monaten angedauert haben. Ähnlich imponierende, vorrübergehende und meist reaktive Teilstörungen sind bekanntlich häufig und müssen von einem ADS deutlich abgegrenzt werden!

Bei starker Ausprägung und Andauern dieser Primär-Symptome kann es im weiteren Verlauf häufig zu den folgenden (z.T. reaktiven) Sekundär-Symptomen kommen:

  1. Lern- und Leistungsstörungen:
    Störverhalten, fehlende Arbeitshaltung, Disziplinprobleme oder auffallend braves Kind, das nicht stört (v.a. Mädchen), Vermeidungsverhalten bis zum Schuleschwänzen, Rechtschreib- und Leseprobleme, seltener Probleme beim Rechnen, schlechtes Schriftbild, lückenhaftes Verfolgen des Unterrichtes, Vergessen von Hausaufgaben, Bedürfnis nach sehr viel Zuwendung von Lehrern und Eltern
    Die Leistungen entsprechen also nie der eigentlichen Intelligenz. Sehr intelligente Kinder können überdies ihre ADS-Primärsymptome bis ins Gymnasium oder Berufsleben kompensieren.
  2. Teilleistungstörungen:
    Auf Grund von akustischen (Gehör) oder visuellen (Augen) Wahrnehmungsstörungen und Koordinationsstörungen bereits primär zusätzlich vorhanden oder sekundär verstärkt.
  3. Schwere sekundäre bzw. reaktive Verhaltensstörungen:
    Störung der sozialen und familiären Interaktion und Integration (evtl. auch verstärkt, wenn ein Elternteil selbst ein unbehandeltes ADS aufweist), soziale Isolierung, später gehäuft Alkohol- und Drogenmissbrauch (Selbstheilungsversuch mit falschen Mitteln?), Kriminalität, reaktive Depression, außerordentlich stark vermindertes Selbstwertgefühl.

Durch persistierende Misserfolgserlebnisse kann es zu einem eigentlichen Teufelskreis kommen.

Diagnose der ADHS

Grundlage einer jeden Diagnose – ob ADHS oder eine andere Krankheit – ist eine gründliche Aufnahme der Krankengeschichte. Die Anamnese sollte den Beginn, die Situationsabhängigkeit der Symptome und die Dauerhaftigkeit der Symptome feststellen.

Ein hilfreiches Instrument zur ADHS-Diagnose-Stellung sind dabei standardisierte Symptomskalen, wie die Conners-Skala. Diese Fragebögen werden von Eltern, Lehrer und Erziehern unabhängig ausgefüllt und geben so ein unbeeinflusstes Bild der Symptomatik wieder. Eine Punktewert von 15 und höher in der Conners-Skala unterstützt die Diagnose.

Unerlässlich für eine zuverlässige Diagnose der ADHS ist eine körperliche, eine psychiatrisch-neurologische und eine psychologische Untersuchung. Dabei müssen verschiedene andere Krankheitsbilder ausgeschlossen werden, die ebenfalls Ursache der Symptome sein könnten, z.B. Hör- oder Sehstörungen. Im Rahmen der Diagnose werden üblicherweise auch neuropsychologische Untersuchungen zur Lernfähigkeit und intellektuellen Leistungsfähigkeit sowie zu Teilleistungsstörungen durchgeführt. Außerdem ist eine sehr gründliche Diagnose durch einen ADHS-Spezialisten (meist speziell ausgebildete Kinderpsychotherapeuten) erforderlich.

Erwachsene und ADHS

ADHS ist keine Kinderkrankheit. ADHS beginnt im Kindesalter (wenn es auch oft nicht diagnostiziert wird) und besteht zu 30 – 60 % in das Erwachsenenalter hin fort. Während sich die Bewegungsunruhe bis zum Jugendalter etwas bessert, bleiben die Aufmerksamkeitsstörung und die Impulsivität. Die Schwankung der Prozentangaben hängt von der Zahl der Symptome ab: Von den betroffenen Kindern und Jugendlichen haben 30% sehr viele Symptome der ADHS, 60% wenige Symptome. Der Leidensdruck und der Krankheitswert der Störung ist jedoch unabhängig von der Zahl der Symptome.

Menschen mit Depressionen, Sucht- und Angsterkrankungen sowie Persönlichkeitsstörungen werden oft nicht auf ADHS untersucht. Dabei sind diese typischen Folgeerkrankungen bei erwachsenen ADHS-Patienten weit verbreitet.

Insgesamt reagieren sie viel emotionaler als andere Menschen und empfinden Gefühle “ungebremster”. Das kann auch Vorteile haben: Einigen gelingt es nämlich, ihren Wust von Ideen kreativ für Ihren beruflichen Erfolg zu nutzen.

Symptomatik

Die ADHS-Diagnostik für Erwachsene unterscheidet sich von der von Kindern: Zentral ist bei Kindern die Erhebung äußerlich sichtbarer Symptome: Unruhe, Vergesslichkeit, bleibt nicht bei der Sache, unterbricht Andere, Ergebnisse von Leistungs- und Persönlichkeitstests …

Das Beschwerdebild bleibt nicht in jeder Alterstufe gleich, sondern wandelt sich mit dem Alter. Überaktivität und Impulsivität weichen oft einer allgemeinen Leistungs- und Konzentrationsschwäche. Fast alle erwachsenen ADHS-Patienten fühlen sich innerlich ruhelos und getrieben. Im Berufs- und im Privatleben erreichen sie oft nicht die Ziele, die sie sich ursprünglich gesteckt hatten. Viele leiden vor allem unter den sozialen Folgen von ADHS:

  • Schlechtere Ausbildung und Karriereverlauf, als es der Begabung entspricht
  • Schwierigkeiten im Berufsleben mit häufigem Stellenwechsel
  • Erhöhte Scheidungsrate
  • Viele Wohnortwechsel, Umzüge

Von ADHS betroffene Erwachsene haben oft erhebliche Schwierigkeiten im Alltag. Beispiele sind:

Organisation/Denkstruktur

  • Fehlendes Zeitgefühl, Verspätungen und Hektik vor Terminen
  • Langweilige Alltagsaufgaben werden auf die lange Bank geschoben oder gar nicht erledigt.
  • Auffällige Unordnung oder Überkompensation durch zwanghaften Perfektionismus
  • Desorganisation – vor allem, wenn mehrerer Aufgaben gleichzeitig anstehen

Aufmerksamkeitsstörung

  • Unbeständiges Arbeiten mit unerklärlichen Einbrüchen
  • Vergessen von Aufgabenteilen mit unvollständigen Arbeitsergebnissen
  • Fehlende Aufmerksamkeit, besonders in Gruppensituationen
  • Leseunlust aufgrund von Verständnisschwierigkeiten für den Gesamtinhalt

Arbeitsgedächtnis

  • Vergesslichkeit, kann Erinnerungen nicht abrufen, z.B. “Ich weiß es, kann es aber nicht sagen.”
  • Flüchtigkeitsfehler, Verdrehen von Buchstaben und Telefonnummern
  • Der Betroffene führt ständig Terminkalender, Karteikarten, Notizbücher und Zettel mit sich.

Gesteigerte Wahrnehmung

  • Sehr starke Empfindlichkeit für bestimmte Sinneseindrücke (z.B. Geruch, Geschmack, Geräusche), aber auch für atmosphärische Spannungen in allen zwischenmenschlichen Beziehungen
  • Oft intuitiv begabt, kreativ und intelligent
  • Stimmung und Leistung sind besonders stark von äußeren Faktoren abhängig
  • Temperamentsausbrüche in jede Richtung

Geringe Stress- und Frustrationstoleranz

  • Übertriebenes Ruhebedürfnis bei Überforderung
  • Probleme, sich auf neue Situationen einzustellen
  • Andauerndes Grübeln, auch mit Einschlafstörungen

Sucht- und Zwangsverhalten

  • Viele zwanghafte Verhaltensmuster
  • Versuch, die Leistungsfähigkeit mit hohen Mengen Schokolade, Kaffee, Kola, Energydrinks und Nikotin zu steigern
  • Manche “behandeln” ihre innere Anspannung mit Alkohol, Cannabis oder Kokain und verschlimmern die Situation noch mehr.

Hohe Impulsivität

  • Erst handeln, dann denken
  • Provokation anderer durch verbale Entgleisungen
  • Erhöhte Unfallneigung
  • Missachtung von Regeln, Gesetzen, Vorschriften
  • Kann sich schlecht bremsen: Kaufrausch, riskantes Autofahren etc.

Überaktivität/Unfähigkeit zur Entspannung

  • Innere Ruhelosigkeit, körperlicher Bewegungsdrang (viel Sport)
  • Kann nicht stillsitzen (z.B. beim Zahnarzt, Essen, im Flugzeug)
  • Trommelt mit den Fingern, spielt mit Stiften, nestelt an sich herum
  • Wippt im Sitzen mit den Füssen rhythmisch vor und zurück
  • Starker Rededrang, Abschweifen vom Thema, schwer zu unterbrechen
  • Langeweile in Ruhesituationen mit künstlicher Überaktivität

ADHS bei Frauen

Frauen leiden deutlich seltener als Männer unter ADHS und zeigen auch ein etwas anderes Beschwerdebild. Deshalb wird die Störung bei Frauen zu selten erkannt. Mädchen mit ADHS sind weniger hyperaktiv, sondern neigen zu langanhaltenden Tagträumereien und sind schnell ablenkbar. Ab dem Zeitpunkt der Pubertät treten besonders ausgeprägte Beschwerden vor der Menstruation mit starken Stimmungsschwankungen auf. Erwachsene Frauen fallen durch eine sehr selbstunsichere, ängstliche Persönlichkeit mit einer starken Neigung zu Depressionen auf.

Ernährung bei ADHS

Relativ neu ist ein Behandlungsansatz mittels Nährstofftherapie. Dabei werden neben den Medikamenten Omega-3-Fettsäure, Omega-6-Fettsäure, Magnesium, Zink und Vitamin E als Lebensmittel- oder Nahrungsergänzungspräparate gegeben. Ebenfalls wird empfohlen, den Konsum von Lebensmitteln mit hoher glykämischer Last zu vermeiden und möglichst proteinhaltige und kohlenhydratreiche Nahrung zu verzehren.

Die Wirksamkeit der Methode wird von Experten angezweifelt. Schädliche Auswirkungen sind immerhin nicht zu befürchten.

In neuerer Zeit wurde eine Studie darüber erstellt, ADS-betroffene Erwachsene mit Nikotinpflastern zu behandeln. Hierbei trat eine deutliche Besserung der Symptomatik auf. Dies könnte erklären, warum viele ADS-Betroffene so früh mit dem Rauchen beginnen.

Die Oligo-Antigene Diät ist ursprünglich ein Verfahren zur Behandlung von Neurodermitis und wirkt in 10-20% der Fälle auch bei ADS-Betroffenen. Hierbei wird die Ernährung bei ADS-Patienten vier Wochen lang auf eine Diät aus allergisch unbedenklichen Nahrungsmitteln umgestellt.

Kommt es zu einer Besserung der Symptome, so werden nach und nach im Viertagesrhythmus weitere Nahrungsmittel zugesetzt und geprüft, ob sich die Symptomatik wieder verschlechtert, danach wird dieses Nahrungsmittel vollkommen ausgesetzt. Nach einiger Zeit soll sich so zeigen, welche Nahrungsmittel beim Patienten unbedenklich sind.

Besteht der Verdacht auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit, können Sie ausprobieren, ob sich der Bewegungsdrang bessert, wenn Sie dem Kind zum Beispiel Vollkorn- statt Weißmehlprodukte geben oder auf raffinierten weißen Zucker ganz verzichten (also auch auf Süßigkeiten, zuckerhaltige Limonade, Kuchen, Schokolade, Instantkakao und Ähnliches) und stattdessen die Gerichte mit Honig oder Vollrohrzucker (Ursüße) süßen. Wenn sich das Verhalten vier Wochen nach Umstellung der Ernährung nicht deutlich gebessert hat, sollten Sie die Diät abbrechen. Wenn eine echte Nahrungsmittelallergie nachgewiesen werden kann, muss das Nahrungsmittel dauerhaft vermieden werden.

ADHS und Homöopathie

Die Homöopathie ist eine ganzheitliche Methode. Sie sieht den Menschen in seiner Gesamtheit. Es werden hier sämtliche Eigenheiten und Symptome des Patienten festgehalten, wie z. B. Ängste, Schlafverhalten, Abneigungen, starke Nervosität u.v.m.
Die Homöopathie behandelt nicht die Krankheit im näheren Sinn, sondern den Menschen selbst. In der Anamnese erkennt der Therapeut eine Vielzahl von Symptomen, die er nach einer ganz bestimmten Methode (Repertorisation) auswertet. Aus dieser Auswertung ergibt sich dann ein homöopathisches Mittel, was das Kind in “geordnete Bahnen” bringt.

Mit der homöopathischen Behandlung sind fast immer Besserungen des Gesamtzustandes zu erreichen, wenn die Einnahme des Mittels konsequent nach den Anweisungen des Therapeuten eingehalten wird. Viele Kinder fühlen sich bei dieser Behandlung sehr wohl, da sie so sein können/dürfen, wie sie sind.

Verlauf und Prognose

Es ist wichtig, dass die Betroffenen konsequent, regelmäßig und langfristig angemessen behandelt und betreut werden. Ansonsten haben viele Betroffene auch im Erwachsenenalter noch Probleme: Bei zehn Prozent der ADHS-Kinder bleibt das Krankheitsbild später vollständig erhalten; 35 Prozent klagen über die Lebensqualität einschränkende Beschwerden; bei den meisten verbleiben Restsymptome.

Die ADHS-Therapie

Ohne Therapie geht es nicht. Die Erkrankung ist in keinem Fall harmlos und sie verschwindet auch nicht einfach so. Das zeigen Untersuchungen über die Entwicklung von Patienten mit und ohne Behandlung. Risiken, die bis in das Erwachsenenalter reichen und erhebliche Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen haben sind u.a.:

  • chronische Konflikte
  • schulische Probleme
  • erhöhte Gefahr zur Kriminalität, besonders Kleinkriminalität
  • erhöhte Suchtgefährdung
  • Verursachung von Verkehrsunfällen

Die Behandlung besteht bei einer hyperkinetischen Störungen immer aus mehreren Faktoren. Grundpfeiler sind:

  • Beratung des Kindes
  • Beratung und Unterstützung der Bezugspersonen in der Familie und außerhalb
  • Psychotherapie und spezielle Pädagogik
  • Pharmakotherapie

Medikamentöse ADHS-Therapie

Da es sich beim ADHS mit großer Wahrscheinlichkeit um eine eigentliche Stoffwechselstörung im Bereich des Neurotransmittersystems des zentralen Nervensystems handelt, sind sich heute eigentlich die meisten Fachleute darüber einig, dass in ausgeprägten Fällen in erster Linie eine medikamentöse Behandlung erforderlich ist. Obwohl noch viele Unklarheiten bestehen (und es in absehbarer Zukunft auch so bleiben wird, da es ungewiss ist, dass wir je das überaus komplexe und faszinierende Organ Gehirn mit seinen mehr als hundert Milliarden vernetzten Zellen verstehen werden) ist die medikamentöse Behandlung mit sogenannten Stimulantien seit 1937 (!) bekannt und richtig verabreicht in vielen Fällen auch überaus erfolgreich.

Die Stimulantien (v. a. Ritalin und d-Amphetamin) wirken im Bereich der Synapsen und verlängern dort die Wirkdauer der körpereigenen Neurotransmitter Dopamin, Noradrenalin und evtl. auch Serotonin. Die Funktion der nicht optimal wirkenden Neurotransmitter wird also normalisiert.

Im Rahmen einer ADHS-Therapie muß die Medikamentenmenge individuell herausgefunden werden, da deren Wirkdauer von Patient zu Patient sehr unterschiedlich ist. In einer mehrwöchigen Einstellphase der Behandlung sind bei Kindern Rückmeldungen bzgl. Wirkung durch die Lehrer und die Eltern überaus wichtig.

Ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene spüren und beschreiben die Wirkung selbst: „Endlich ist der Filter weg”; „ich sehe klar”; „die innere Unruhe ist weg”; „jetzt weiß ich endlich, was Freude im Leben bedeutet”.

Auch bei Kindern ist die positive Wirkung einer ADHS-Therapie häufig dramatisch: das Schriftbild normalisiert sich von einem Tag zum anderen, statt zu kritzeln beginnt das Kindergartenkind erstmals zu zeichnen, das Diktat kann nun gelernt und korrekt wiedergegeben werden, der Notendurchschnitt steigt rasch an, das Kind wird von anderen Kindern wieder akzeptiert und rasch sozial integriert. Das Kind hat endlich Erfolgserlebnisse und „gleich lange Spieße” wie seine Kameraden. Es ist wichtig, dass bei erfolgreicher Behandlung diese möglichst während der ganzen Wachheitsphase durchgeführt wird. Dies führt dazu, dass z.T. 3 oder 4 Dosen pro Tag gegeben werden müssen, in einzelnen Fällen hat sich eine länger wirkende Retardform aus den USA sehr bewährt.

Da durch die medikamentöse Therapie die Wahrnehmungsfunktionen im weitesten Sinne normalisiert werden (das Gehirn bekommt eine „innere Brille”!), hat der ADHS-Patient nun wie alle anderen auch die Voraussetzung, Verhaltensstrategien, soziale und andere Lernprozesse zu erlernen. Auch für ihn lohnt es sich, sich nun anzustrengen, die bisherigen Misserfolge bleiben nach und nach aus und die aufgebauten Vermeidungsstrategien verschwinden mit der Zeit. Vor allem dann, wenn relativ spät behandelt wird, können sich eingefahrene Verhaltensmuster in der Schule, Familie oder am Arbeitsplatz noch lange störend auswirken und müssen genau analysiert und vorwiegend verhaltestherapeutisch behandelt werden.

Während früher Medikationspausen am Wochenende und in den Ferien empfohlen wurden, ist nach heutigen Erkenntnissen eine kontinuierliche Behandlung vorzuziehen. Es erfolgt dadurch ja wahrscheinlich eine normale „Vernetzung”. Zudem sind die sozialen Lernprozesse ja nicht nur auf die Schule oder den Arbeitsplatz beschränkt!
Nebenwirkungen der Stimulantientherapie bestehen v. a. in nicht bedrohlichen Appetitstörungen und im Einzelfall recht lästigen Einschlafstörungen. Spätschädigungen oder Abhängigkeiten sind auf Grund der langjährigen Erfahrung und Kenntnis dieser Behandlung nicht bekannt geworden. Bei korrekter Medikation profitieren die meisten ADS-Patienten, wobei das Ansprechen recht unterschiedlich ist. Natürlich wird nur beim Vorliegen einer deutlichen ADS-Symptomatik medikamentös behandelt, wobei verschiedene Faktoren eine Rolle spielen können. Im Vordergrund steht sicher der Leidensdruck des ADS-Patienten. Zu lange ist in vielen Fällen die Odysee nicht oder falsch behandelter, zu groß das Leid nicht oder zu spät erkannter Kinder oder Erwachsener, bzw. betroffener Familien.

Neben der medikamentösen Basisbehandlung sind häufig zusätzliche Maßnahmen und Therapien nötig, bzw. meist erst durchführbar! Je nach Alter kommen dabei v.a. in Frage:

in jedem Fall Aufklärung und Information über das ADHS in Familie und Schule (Abbau von Schuldgefühlen, bisher „alles falsch gemacht” zu haben, endlich eine Erklärung, warum das vorhandene Potential so unerklärlich nicht ausgenützt werden kann!)
Beratung des Patienten sowie der Familie, v.a. Festlegen von Strukturen, festen Grenzen etc., für Jugendliche und Erwachsene eigentliches „coaching” des Tagesablaufes

Verhaltenstherapie:

  • Vermittlung von Lernstrategien
  • Selbstinstruktionsprogramme, „Aufmerksamkeitstraining”
  • familiäres und soziales Interaktionstraining
  • Aufbau des Selbstwertgefühls
  • Gruppentherapie, evtl. Besuch von ADS-Gruppen u. dgl.

Funktionelle Therapie:

  • Psychomotorik
  • Sensomotorische Integrationstherapie und ähnliche Übungsprogramme

Psychotherapie bei schweren reaktiven Störungen oder neurotischen Entwicklungen.

Sonderpädagogische Maßnahmen

  • Einschulung in Kleinklassen/ Förderschulen
  • Repetition bei drohender Überforderung
  • Förder-, Stütz- oder Zusatzunterricht
  • geeignete Berufswahl und -vorbereitung

Wichtig: Ohne eine exakte medikamentöse Einstellung sind alle oben beschriebenen Maßnahmen leider oft wenig effektiv oder gar unmöglich! Trotz der vielen Probleme dürfen wir nie vergessen, dass alle ADS-Patienten viele positive Eigenschaften aufweisen, die immer wieder gefördert und verstärkt werden sollen. Angehörige und alle weiteren Bezugspersonen sollten versuchen, den häufig so unglücklichen und missverstandenen ADS-Patienten den Rücken zu stärken und ihnen möglichst oft ein Erfolgserlebnis zu vermitteln. Dadurch werden sie zudem noch viel mehr von der nicht selten ausgesprochenen Intuität, Phantasie, Originalität, Kreativität und Sensibilität vieler ADS-Patienten profitieren können!

Weblinks zum Thema ADHS

Arbeitsgemeinschaft Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung der Kinder- und Jugendärzte e.V.
Postfach 228
91292 Forchheim
www.agadhs.de

Bundesverband Aufmerksamkeitsstörung/Hyperaktivität
Postfach 60
91292 Forchheim
Tel.: 09191 / 70 42 60
www.bv-ah.de

Netzwerk im Großraum München: www.adhs-netz.com

Verein K3
Verein zur Förderung der Konzentration und sozialen Kompetenz bei Kindern
Falkensteiner Straße 1
61462 Königstein
Tel.: 06174 / 25 65 68
www.VereinK3.de

Kategorie: Krankheiten
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