Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) = Hyperkinetisches Syndrom (HKS)

Dieses Kind macht mich noch wahnsinnig! So oder so ähnlich stöhnen Eltern, wenn ihre Kinder erneut ihr Zimmer verwüstet haben, mit nicht enden wollender Streitlust Konflikte provozieren oder im Gespräch einfach nicht zuhören.

Die Rede ist von der zunehmenden Schar verhaltensauffälliger Kindern, für die die Medizin die neuartige Diagnose “Aufmerksamkeitsstörung mit oder ohne Hyperaktivität und Sozialstörung” kreiert hat. Die Liste der Symptome liest sich wie ein Katalog an Ungezogenheiten der heranwachsenden Generation, über die sich die Älteren nachweislich bereits seit der Antike aufregen.

Handelt es sich bei den Kindern, die die Vorlage zu den bekannten literarischen Gestalten wie dem Zappelphilipp, Hans guck in die Luft, Huckleberry Finn oder Pippi Langstrumpf gebildet haben könnten, nun um Erkrankte im medizinischen Sinn? Oder haben wir es mit einer “Modediagnose” zu tun, die vielleicht nur unsere Hilflosigkeit gegenüber der Generation X, Y oder Z widerspiegelt?

Nach allem, was wir heute wissen, leidet ein Teil dieser Kinder tatsächlich unter einer echten Verhaltensstörung, die mit Störungen der Wahrnehmung, der Aufmerksamkeit und der Impulsivität einher geht und oft erhebliche Lebensprobleme und Konfliktsituationen zur Folge hat. Diesen Kinder und ihren geplagten Eltern kann mit modernen Therapien geholfen werden.

“Aufmerksamkeitsstörung mit oder ohne Hyperaktivität und Sozialstörungen” (Attention deficit disorder syndrom = ADDS) ist der derzeit offizielle internationale Diagnosebegriff. In Deutschland wird häufig der Begriff “Hyperkinetisches Syndrom” (HKS) verwendet. Es existieren zahllose andere, teilweise veraltete, nur Teilaspekte umfassende oder schlicht unzutreffende Bezeichnungen für diese Verhaltensstörung.

Ursachen/Risikofaktoren

Die Häufigkeit des ADDS einschließlich milder Formen wird auf bis zu 10% aller Kinder geschätzt. Jungen sind dem Anschein nach häufiger betroffen als Mädchen. Die Ursachen für die Aufmerksamkeitsstörung sind trotz einiger vielversprechender Forschungsansätze bis heute nicht geklärt. Es gibt verschiedene unbewiesene Theorien, die Umweltgifte und Nahrungsmittelallergien für die Erkrankung verantwortlich machen. Der früher häufig vermutete “Sauerstoffmangel bei der Geburt” scheint – wenn überhaupt – nur selten die Ursache zu sein.

Wahrscheinlich geht die Aufmerksamkeitsstörung auf eine biologisch bedingte fehlerhafte Informationsverarbeitung zwischen einzelnen Gehirnbereichen zurück, die für die gerichtete Aufmerksamkeit, Konzentration und Wahrnehmung verantwortlich sind.

Daran beteiligt ist eine veränderte Wirkung der Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter). Mit modernen bildgebenden Untersuchungsmethoden wie der Positronenemissionstomographie (PET), die eine Darstellung von Stoffwechselvorgängen des Gehirns ermöglicht, und der Single – Photon – Emissionscomputertomographie (SPECT) wurden Funktionsstörungen in einzelnen Hirnabschnitten (Stammganglien und Frontalhirn) sichtbar gemacht. Eine genetische Veranlagung scheint wahrscheinlich, da in vielen Fällen Eltern, Geschwister (besonders eineiige Zwillinge) und andere Verwandte ebenfalls betroffen sind. “Schlechte Erziehung” oder “negative Kindheitserfahrungen” können als eigentliche Ursachen praktisch ausgeschlossen werden. Ungünstige Familienverhältnisse können das erkrankte Kind in seiner Persönlichkeitsentwicklung allerdings zusätzlich belasten (sogenannte sekundäre Schäden).

INFO Neurotransmitter
Botenstoffe, die an Nervenendigungen durch einen Reiz freigesetzt werden und auf spezifische Rezeptoren wirken. Beispiele sind Noradrenalin, Dopamin, Serotonin und Oxytocin. Die Reizvermittlung an den Rezeptor bewirkt eine von der Reizursache abhängige Körperreaktion.

Krankheitsbild

Die Aufmerksamkeitsstörung ist eine kombinierte Störung der Wahrnehmung und des Verhaltens mit einer Vielzahl von Symptomen. Die Erkrankung existiert in ganz unterschiedlichen Erscheinungsbildern, nicht alle Krankheitszeichen müssen gleichzeitig bestehen. Außerdem muss an eine Abgrenzung der beschriebenen Krankheitsmerkmale von altersgemäßen, typischen Verhaltensweisen während der kindlichen Entwicklung gedacht werden.

Kinder mit ADDS fallen in der Regel durch Unaufmerksamkeit, Ablenkbarkeit, Konzentrationsmangel, Vergesslichkeit und Ungeschicklichkeit auf. Daneben sind heftige Stimmungsschwankungen, eine allgemeine starke Reizbarkeit (Impulsivität) und Wutausbrüche über geringfügige Ursachen (Frustrationsintoleranz) zu beobachten. Die Kinder können sich schlecht in eine Gemeinschaft einordnen und stören häufig die geregelten Abläufe in Familie, Kindergarten und Schule. Oft besteht ein starker Bewegungsdrang in Verbindung mit motorischer Unruhe (Hyperaktivität).

Die Hyperaktivität kann aber auch fehlen. Teilweise wirken die Betroffenen – oft handelt es sich dabei um Mädchen – sehr still oder sogar apathisch. Unbedachtheit in Verbindung mit Störungen der motorischen Geschicklichkeit führt häufig zu einer erhöhten Unfallgefahr.

Die Schulleistungen bleiben meist hinter der oftmals überdurchschnittlichen Intelligenz zurück, die Aufgaben werden oft nur sehr langsam bewältigt. Häufig wird eine ausgeprägte Lese-Rechtschreib- und/oder Rechenschwäche festgestellt. Schwächen in einigen Gebieten (Teilleistungsstörungen) bestehen aber oft neben herausragenden Leistungen in anderen Bereichen.

Neben den vielen Merkmalen soll nicht unerwähnt bleiben, dass die betroffenen Kinder meist hilfsbereit ihre Umgebung durch Spontaneität, Phantasie, schnelle Auffassung, Begeisterungsfähigkeit und unkonventionelle Ansichten beeindrucken und bereichern können.

Auswirkungen

Unaufmerksamkeit, Konzentrationsstörungen und Impulsivität führen meist zu schlechten Leistungen in Schule und Ausbildung. Manchmal werden die Schwierigkeiten erst im Gymnasium oder an der Universität sichtbar. Durch seine Konfliktbereitschaft und oft auch erhöhte Aggressivität ist der Platz des Kindes in der Klassengemeinschaft problembehaftet. Oft weicht es auf die Rolle des Klassenclowns aus oder wird zum Sündenbock der anderen. Häufig haben Kinder mit ADDS einen schlechten Kontakt zu Altersgenossen und spielen lieber mit wesentlich älteren oder jüngeren Kindern. Leider landen manche dieser Kinder trotz normaler oder hoher Intelligenz auf der Sonderschule. Viele ergreifen später ungelernte Berufe.

Die mangelnde soziale Anpassungsfähigkeit, die von anderen vielfach als Egoismus oder Egozentrik erlebt wird, hat zur Folge, dass die Kinder mit ADDS von der Umgebung oft abgelehnt werden. Dadurch kann es zu psychischen Folgeschäden (Sekundärschäden) in Form von mangelndem Selbstwertgefühl, sozialem Rückzug, Depressionen, Drogenproblemen und erhöhter Suizidgefahr kommen. Kinder mit ADDS werden leicht zu Außenseitern. Freizeitaktivitäten wie “S-Bahn-Surfen”, “Air-Bagging”, etc. üben auf sie eine auffällige Anziehungskraft aus. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen bleibt die Aufmerksamkeitsstörung bis ins Erwachsenenalter bestehen und führt zu weitreichenden Problemen in Beruf und persönlichen Beziehungen, bis hin zum Abgleiten in die Kriminalität.

Erkennung/Untersuchungen

Störungen der Aufmerksamkeit und der Konzentration, sowie die emotionale Unausgeglichenheit fallen meist zwischen dem 4.-8. Lebensjahr auf. In ärztliche Behandlung kommen die Kinder in der Regel im Alter zwischen acht und zehn. Die Diagnosestellung ist generell schwierig: Es gibt keine spezifischen organischen Symptome und nur selten handfeste neurologische Hinweise auf die Erkrankung (weniger als 5% der Kinder haben neurologische Auffälligkeiten).

Die Diagnose wird aus dem beobachtbaren Verhalten des Kindes unter Einbeziehung einer eventuellen aktuellen Konfliktsituation (z.B. Scheidung der Eltern, etc.) gestellt. Benutzt werden standardisierte Fragebögen (nach Conners) und Tests auf Intelligenz und Teilleistungsstörungen. Dabei muß die Aufmerksamkeitsstörung von hirnorganischen Erkrankungen (mittels EEG), anderen Verhaltensstörungen, psychiatrischen Erkrankungen und geistiger Behinderung bzw. Entwicklungsstörungen abgegrenzt werden. Fehlt eine deutliche Hyperaktivität oder Impulsivität ist die Diagnosestellung zusätzlich erschwert.

Therapie

Die Behandlung des Kindes mit ADDS gelingt nur in enger Zusammenarbeit zwischen Eltern, Betreuern, Lehrern, Ärzten und/oder Psychologen. Neben der Möglichkeit von heilpädagogischen Verfahren und Familientherapien kommt in den meisten Fällen eine Verhaltenstherapie in Frage. Auch die Eltern sind stets in die Therapie einzubeziehen. Unter dem Stichwort “Elterntraining” sollen sie lernen, ihre negativen Reaktionen auf das Kind, durch die Folgeschäden in der Persönlichkeitsentwicklung entstehen können, zu kontrollieren. Neben der Behandlung der Symptome geht es immer auch um die Stärkung des Selbstbewusstseins des Kindes.

Die Verhaltenstherapie kann mit einer medikamentösen Behandlung kombiniert werden. Manchmal macht auch erst die Medikamenteneinnahme den Beginn der Psychotherapie möglich. Dabei werden nicht etwa Beruhigungsmittel (Sedativa), sondern im Gegenteil, aktivitätsfördernde (stimulierende) Medikamente eingesetzt. Mittel der Wahl ist das Psychostimulans Methylphenidat, das bei Kindern mit ADDS eine paradoxe Wirkung entfaltet und zur Minderung der Unaufmerksamkeit und der Ruhelosigkeit mit deutlicher Konzentrationssteigerung führt.

Manchmal kommt es bereits nach der ersten Einnahme zu einer durchschlagenden Wirkung, so dass die Eltern berichten, ihr Kind sei nicht mehr wiederzuerkennen. Konzentrations- und Lernstörungen können sich ebenso bessern wie das soziale Verhalten. Der wichtigste Effekt liegt vielleicht darin, daß die Medikamentenwirkung es dem Kind nun erlaubt, innerlich beteiligt an sozialen Aktivitäten teilzuhaben und dadurch neue Erfahrungen mit sich selbst und den anderen zu machen. Gelegentlich sollte das Medikament in einem Auslassversuch abgesetzt werden, um das Verhalten des Kindes erneut beurteilen zu können. Für die Verwendung von Methylphenidat bei Kindern unter sechs Jahren liegen allerdings bisher nur geringe Erfahrungen vor. Neben diesem und weiteren Stimulanzien stammen andere eingesetzte Medikamente aus den Klassen der Neuroleptika, der Antidepressiva und der Tranquilizer.

Vor und neben allem gilt: Eine liebevolle, geduldige Haltung dem Kind gegenüber, das Anbieten des direkten Kontaktes und der emotionalen Nähe sind unverzichtbare Bausteine, um dem Kind vermeidbare Probleme und Konflikte auf seinem Lebensweg zu ersparen.
Andere Therapieverfahren wie z.B. Antigenvermeidende Diäten, hochdosierte Vitaminbehandlungen und das Auslassen bestimmter Nahrungsbestandteile haben sich bisher nicht durchgesetzt.

Wichtige Hinweise

Auch bei adäquater Behandlung bleiben möglicherweise Schwächen der Aufmerksamkeit oder der sozialen Anpassung fortbestehen. In vielen Fällen gelingt es den Betroffenen aber, mit den Defiziten umzugehen oder sie durch Fähigkeiten auf anderen Gebieten zu kompensieren.

Häufige Fragen

Ist der Umgang von Kindern die an ADDS erkrankt sind, mit gesunden Kindern zu vermeiden?

Nein. Die Eingliederung von Kinder, die an ADDS leiden, ist oft durch die Ablehnung, die sie von ihrer Umwelt aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten erfahren oft sehr schwierig. Meist sind Kinder viel eher in der Lage mit diesen Kindern umzugehen als Erwachsene. Sowohl für die an ADDS leidenden Kinder als auch für deren Eltern ist eine offene und verständnisvolle Umgebung sehr wichtig, damit sie nicht zu Außenseitern werden und das Ausmaß an sekundären Schäden bei den Betroffenen so gering wie möglich gehalten wird. Sollte ein an ADDS erkranktes Kind sehr aggressiv sein, könnte sich ein Erwachsener in der Nähe spielender Kinder aufhalten, um notfalls einzugreifen, wenn das von den Beteiligten als sinnvoll erachtet wird.

Können an ADDS erkrankte Kinder einen normalen Kindergarten oder eine normale Schule besuchen?

Normalerweise ja. Die Eltern des Kindes sollten im Dialog mit den Betreuern im Kindergarten oder in der Schule bleiben und mit diesen gemeinsam Lösungen für eventuell auftretende Probleme suchen. Manchmal ist es leichter, die Kinder in einem Kindergarten mit kleinen Gruppen bzw. in einer Schule mit kleinen Klassen einzugliedern. Bei ausgeprägten Teilleistungsstörungen sollten Sie gemeinsam mit dem behandelnden Arzt abwägen, was das Beste für das Kind ist.

Wichtige Adressen

Bundesverband der Elterninitiativen zur Förderung Hyperaktiver Kinder e.V.
Postfach 60
91291 Forchheim
Geschäftsstelle, Informationsmaterial, Redaktion “Was nun?”:
Irene und Hans Gerhard Braun
Telefon/Telefax: 09191/34874

Elterninitiative zur Förderung der Kinder mit HKS (Hyperkinetisches Syndrom) e.V., Haan
Alleestr. 8
42781 Haan

Verein zur Förderung der Integrativen Erziehung und Bildung e.V.
Vereinsanschrift:
Gisela Hoins (Vorstandsvorsitzende)
Stolzestr. 16
30171 Hannover
Tel./Fax 0511/815592

ibi informations- und beratungszentrum für Integration
Universität Hannover, Erziehungswissenschaften 1
Bismarckstr. 2,
30173 Hannover
Tel. 0511/762-8333

AdS e.V.
Elterninitiative zur Förderung von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) mit/ohne Hyperaktivität
Postfach 1165
73055 Ebersbach

Verein zur Förderung von Kindern Jugendlichen mit Teilleistungsschwächen (MCD/HKS) e.V.
Gertrud Kober
Unterer Höhenweg
88697 Bermatingen
Tel.: (07544) 3671

Verein zur Förderung der Kinder mit Minimaler Cerebraler Dysfunktion (MCD) e.V.
Friedemann-Bach-Str. 1
82166 Graefelfing
Tel.: (089) 8543141 Tel.: (089) 8543305
Fax: (089) 852166
sterntaler Aktionskreis zur Förderung intelligenter Kinder und Jugendlicher mit sensomotorischen Störungen e.V.
Abenberger Straße 12
90451 Nürnberg
Tel: (0911) 6427486
Fax: (0911) 6491607

Störenfried – Verein zur Förderung der Kinder mit Teilleistungsstörungen e.V.
Kirsten Wiedemann-Jantzen
Waldstr. 1
14478 Potsdam
Tel.: (0331) 862795

Links

http://www.osn.de/user/hunter/badd.htm
Der Bundesverband der Elterninitiativen zur Förderung Hyperaktiver Kinder e.V. ist eine gute Startseite zur Beschäftigung mit dem Thema ADDS. Sie finden hier eine umfangreiche Artikelsammlung, die Adressen von Regionalgruppen, Videomaterial uvm.

http://www.hypies.de/
Auf den Seiten der “Hypies” haben hyperaktive Webgestalter, die mit ihrer Erkrankung eher “locker” umgehen, ein anspruchsvolle Materialsammlung zum ADDS zusammengetragen. Oberstes Prinzip: Nicht gegen die “Aufmerksamkeitsverschiedenheit” wehren, sondern das Anderssein akzeptieren und sich mit den Umständen arrangieren.

http://www.s-line.de/homepages/ads/
Die Elterninitiative zur Förderung von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) mit/ohne Hyperaktivität unterhält Gesprächskreise für betroffene Eltern. Die Homepage bietet Aktuelles aus der Wissenschaft, Pressespiegel, Links, Adressen und Literatur.

http://www.psychologie-online.ch/add/
Ein hervorragende Informationsangebot zu ADDS bei Erwachsenen und Kindern biete die Website Schweizer Psychologen. Auf hohem Niveau, ohne unverständlich zu sein, werden alle Aspekte der Störung dargestellt. Kaum ein Thema, das hier nicht zu finden wäre.

Kategorie: Krankheiten
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