Magersucht (Anorexia nervosa)

Buchstäblich zu Tode hungern sich junge Menschen, wenn sie an der Magersucht (Anorexia nervosa) erkrankt sind. Inmitten von Nahrungsbergen verweigern meist junge Mädchen und Frauen das Essen und erreichen ein extremes Untergewicht, in schweren Fällen von weniger als 30 kg. Erstaunlicherweise zeigen die Erkrankten keinerlei Einsicht, dass an diesem Verhalten etwas nicht stimmt oder dass sie ein psychisches Problem haben könnten.

Die Erkrankungshäufigkeit nimmt, vermutlich auch verstärkt durch das Schlankheitsideal unserer Tage, in den hochindustrialisierten Ländern der westlichen Welt zu. Meist sind Mädchen und Frauen im Alter zwischen 12 und 30 Jahren betroffen, der Anteil der männlichen Patienten (5 bis 10%) ist aber am Steigen. In Deutschland wird die Zahl der Magersüchtigen auf 60.000 geschätzt.

Die Anorexie ist eine ernste Erkrankung, die in vielen Aspekten einer Sucht und/oder einem zwanghaften Verhalten gleicht. Und sie ist alles andere als harmlos: Jede zehnte Betroffene stirbt.

Ursachen/Risikofaktoren

Die Kranken stammen oft aus der gesellschaftlichen Mittel- oder Oberschicht. In vielen Fällen wird eine gegenüber der Norm erhöhte Intelligenz festgestellt, schon vor Beginn der Krankheit werden viele der Patienten als äußerst erfolgsorientiert beschrieben.

Psychische Ursachen

Ungelöste Konflikte beim Erwachsenwerden (Autonomie) bzw. Schwierigkeiten bei der Identifizierung mit der weiblichen Geschlechterrolle, bzw. der weiblichen Sexualität (Identifikation) werden für die Entstehung der Anorexie verantwortlich gemacht. Oft findet sich eine ungünstige psychische Verwobenheit der Familienmitglieder untereinander (Interaktionsprobleme in der Familiendynamik). Mit der Erkrankung verbunden ist meist eine mangelnde oder falsche Wahrnehmung des eigenen Körpers (Störung des Körperschemas). Das typische Erkrankungsalter ist um die Pubertät herum; viele Betroffene leiden von da an jahrzehntelang unter der Essstörung.

Körperliche Ursachen

Trotz intensiver Suche sind bisher keine rein körperlichen Krankheitsursachen wie Hormonveränderungen oder Störungen der Botenstoffe im Gehirn nachgewiesen worden. Die mannigfaltigen Veränderungen der Stoffwechsellage, die bei Anorexie angetroffen werden, sind Folge und nicht Ursache der Unterernährung.

Gesellschaftliche Ursachen

Nicht als Ursache, aber als begünstigender Faktor der Erkrankung wird das moderne Schlankheitsideal angesehen, wie es in Modezeitschriften propagiert wird. In den siebziger Jahren machte das stark untergewichtige Fotomodell „Twiggy” von sich reden. Sie brachte das Thema Magersucht in das öffentliche Bewusstsein. Als Risikogruppen für eine Anorexie gelten Tanzschülerinnen und Models.

Krankheitsbild Magersucht

Das Essen steht für den Patienten definitiv im Mittelpunkt seiner gedanklichen Interessen, Appetit und Hunger werden aber vollständig verleugnet. Es besteht eine massive Furcht vor Gewichtszunahme. Die Betroffenen nehmen nur das Allernotwendigste an Nahrung zu sich, und manchmal eben nicht einmal das. Akribisch werden Diätpläne und Kalorientabellen studiert. Für jede aufgenommene Kalorie wird eine entsprechende Körperaktivität geplant, um ja nicht an Gewicht zuzunehmen. Dabei kommt es vor, dass die Anorexiekranken mit Leidenschaft Rezepte sammeln und die Menschen ihrer Umgebung hingebungsvoll bekochen. Viele Betroffene nehmen trotz besorgniserregenden Untergewichts sportliche Extrembelastungen auf sich. Durch das „Dauerfasten” kommen viele Erkrankte in euphorische Zustände, die den Krankheits-bzw. Suchtmechanismus der Essstörung zusätzlich aufrecht erhalten. Absichtliches Erbrechen nach dem Essen und der gefährliche Missbrauch von Abführmitteln (Laxanzien) und harntreibenden Mitteln (Diuretika) treten bei bis zu 50% der Anorektiker auf.

Die Patienten versuchen häufig, die Menschen ihres Umfelds zu manipulieren. Bezüglich der Nahrungsaufnahme lügen sie häufig und verbergen die essstörungsbedingten Verhaltensweisen wie z.B. das selbst ausgelöste Erbrechen. Bei Männern wie bei Frauen wird regelmäßig ein Interessensverlust im sexuellen Bereich beobachtet. Mit der Ess-Brech-Sucht (Bulimie) kommen Mischformen bzw. Überschneidungen vor.

Auswirkungen der Magersucht

Die offenkundige Hilfsbedürftigkeit des Erkrankten steht im krassen Gegensatz zur vollständigen Uneinsichtigkeit gegenüber der Störung. Anorektikerinnen sind Meisterinnen im Verleugnen. Die Menschen in der Umgebung der Anorexiekranken fühlen sich durch das gestörte Essverhalten oft manipuliert und hinters Licht geführt. Das Meiden von gemeinsamen Essen und Trinken bringt auch eine gewisse soziale Isolierung mit sich. Häufig besteht gleichzeitig eine behandlungsbedürftige Depression.

Noch vor einem krankhaften Gewichtsverlust kommt es durch das Versiegen der Geschlechtshormonbildung zum Ausbleiben der Menstruation (Amenorrhö). Auch andere hormonelle Störungen werden häufig beobachtet. Im Zuge der Gewichtsabnahme werden wichtige Körpereiweiße (strukturelle Proteine) z.B. auch im Herzmuskel abgebaut. Als gefährlichste Komplikationen gelten Herzrhythmusstörungen und Störungen des Wasser- und Mineralienhaushalts des Körpers (Flüssigkeits- und Elektrolytstörungen).

Die Patienten leiden vielfach unter weiteren Beschwerden wie chronischer Verstopfung, wiederholten Infekten, Atembeschwerden, Bauchschmerzen, etc. Häufige Befunde sind ein niedriger Puls und Blutdruck, Kälteneigung (Hypothermie), Wasseransammlung im Gewebe (Ödeme). Als besonderes Merkmal kann die Entwicklung einer feinen Körperbehaarung (Lanugo) auftreten. Häufig entsteht aus Folge der Mangelernährung eine krankhafte Knochenbrüchigkeit (Osteoporose).

Die Sterblichkeit an der Anorexie oder einer ihrer Komplikation ist hoch. Bis zu 10% der Patienten sterben, oft unter dem Bild der vollkommenen körperlichen Auszehrung (Kachexie). Auch Suizide kommen unter den Erkrankten verhältnismäßig häufig vor.

Erkennung/Untersuchungen

Meist kommen die Erkrankten nicht aus eigenem Antrieb in medizinische Behandlung. Im Gegenteil, bei vollkommener Uneinsichtigkeit gegenüber der psychischen Erkrankung müssen die oft minderjährigen Betroffenen von ihren Angehörigen regelrecht zum Arztbesuch gezwungen werden.

Die Diagnose Anorexia nervosa wird gestellt, wenn bei einem jungen Menschen ein Gewichtsverlust von mehr als 15% des altersentsprechenden Normalgewichts (nach der Broca-Formel) vorliegt, die Betroffene die typische Angst vor Fettleibigkeit und Uneinsichtigkeit aufweist und möglicherweise bereits die Monatsblutung ausgeblieben ist.

Selbstverständlich müssen organische Ursachen einer Appetitlosigkeit, bzw. einer Gewichtsabnahme sorgfältig ausgeschlossen werden. In sehr seltenen Ausnahmen tritt das Symptom Anorexie (wörtliche Übersetzung: Appetitlosigkeit) als Symptom einer Gehirnschädigung (Hypothalamus) oder Erkrankungen der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) auf.

Therapie

Wohlmeinende Ratschläge von Freunden oder Angehörigen, mehr zu essen, sind kaum hilfreich. Die Kranken leugnen den Krankheitscharakter ihres Verhaltens meist vollständig. Kommen die Kranken unter mehr oder weniger sanftem Druck der Familie in ärztliche oder psychologische Behandlung, besteht der erste und schwierigste Schritt in der Entwicklung einer Krankheitseinsicht und der Errichtung einer Therapiemotivation.

Die Behandlungsmethode der Wahl ist die Psychotherapie. Meist wird eine Verhaltenstherapie durchgeführt. Es kommen aber psychoanalytisch orientierte Einzel- und Gruppentherapie, sowie Familientherapien in Betracht. Angesichts der krankheitsbedingten Verleugnungen und der ständigen Gefahr der „Trickserei” müssen die Therapiebedingungen klar formuliert und überwacht werden.

Von der Behandlung der Verhaltensstörung unterschieden wird die kurzeitige Intervention bei fortgeschrittener Unterernährung. Um die Kranken am Leben zu erhalten, erfolgt nach Krankenhausaufnahme die Ernährung über eine Magensonde oder über die Blutbahn (parenteral). Verluste an Flüssigkeit und anderen Blutbestandteilen (Elektrolyte) müssen schnellstens korrigiert werden. Beispielsweise kann im Körper ein Mangel an Kalium auftreten, in dessen Folge es zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen kommen kann. Die Komplikation tritt häufig auf, wenn die Patienten zusätzlich Abführmittel (Laxanzien) und harntreibende Medikamente (Diuretika) benutzen.

Wichtige Hinweise

Anorexie ist eine lebensbedrohliche Erkrankung. Jedes – vermeintlich verständnisvolle – Dulden der offenkundigen Verhaltensstörung trägt zur Vertiefung der Erkrankung und zur Verschlechterung der Behandlungsaussichten bei.

Während die Lage bei Minderjährigen durch das Sorgerecht der Eltern eindeutig ist, liegt bei erkrankten Erwachsenen eine ethische Konfliktsituation vor: Aus medizinischer Sicht handelt es sich um eine psychische Störung mit einem erheblichen Selbstgefährdungspotential, das im Einzelfall auch eine Zwangsbehandlung rechtfertigt. Andererseits greifen diese Maßnahmen extrem in das persönliche Selbstbestimmungsrecht des Menschen ein und bedürfen daher einer gewichtigen Rechtfertigung.

Vorsorge

Als Eltern versuchen Sie, Ihren Kindern stets ein guter und vertrauensvoller Gesprächspartner zu sein. Nehmen Sie Ihren Kindern den Druck, Ihnen und sich selbst etwas beweisen zu müssen oder nach vermeintlichen Idealen zu streben.

Häufige Fragen

Gibt es Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Bulimie und Anorexia nervosa?

In Studien ist versucht worden, Unterschiede in den Persönlichkeitsstrukturen bulimischer und anorektischer Patientinnen und ihren Familien herauszufinden. Dies ist nicht gelungen. Wahrscheinlich gibt es fließende Übergänge zwischen beiden Zuständen. Äußerlich wirken die Mädchen mit einer Bulimie weniger auffällig, zumal sie meist auch normalgewichtig sind. Im Gegensatz dazu fallen die Mädchen mit einer Anorexie durch ihre Magersucht auf.

Wichtige Adressen

Bielefelder Zentrum für Essstörungen e.V.
33602 Bielefeld
Martktstraße 35
Tel. 0521 / 6 59 29

Cinderella, Aktionskreis Ess- und Magersucht
80339 München
Westendstraße 35
Tel. 089 / 502 12 12

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie e. V.
Philosophenweg 3-5
07743 Jena
Tel.: 03641/936581
Fax: 03641/936583

Kategorie: Krankheiten
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