Essen und die Magersucht

(Januar 2001) Bis Ende des 18. Jahrhunderts galt Korpulenz als etwas sehr Positives. Die wohlhabende Gesellschaft konnte sich damit von den unteren Klassen abgrenzen. Die bessere Nahrungsversorgung auf breiter Basis im 19. und 20. Jahrhundert verschob das Bewusstsein. Wir haben Nahrung im Überfluss und sind stark konsumorientiert. Bei den Männern zählen heute Werte wie beruflicher Erfolg und Gesundheit, bei Frauen Schönheit. Schön gleich schlank. Das ist das neue Korsett unserer Zeit.

Jede zweite Frau in Deutschland möchte weniger wiegen, wie eine Umfrage des Forsa-Institutes im vergangenen September ergab. Essstörungen, wie Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brechsucht) und Adipositas (krankhafte Fettsucht) haben in der westlichen Industriegesellschaft in den letzten Jahren extrem zugenommen. 95 Prozent aller Essstörungen treten bei Frauen auf. Dabei sind gerade die sehr sensiblen Frauen und Mädchen betroffen.

Seelenhunger

Menschen, die der unstillbare Hunger plagt, die sich in Krisenzeiten mit Essen trösten, ist nicht mit einer herkömmlichen Diät geholfen. Ihr Hunger liegt meist tiefer, in der Seele begründet. Seelischer Hunger ist die Sehnsucht nach Befriedigung der Wünsche und Bedürfnisse des Herzens. Menschen mit Essstörungen können zwischen körperlichem und seelischem Hunger oft nicht mehr unterscheiden. Und die Frustration wächst, wenn der seelische Hunger trotz aller Nahrung im Magen noch immer noch immer ungestillt bleibt. In vielen Fällen folgt den Frust-Fressattacken das hemmungslose Erbrechen. Erst bei diesem Vorgang gelingt es Vielen, sich heimlich gehen zu lassen.

Hilfe

“Der Hunger nach Anerkennung treibt viele Menschen in die Magersucht”, sagt Alexandra K. aus Hamburg. “Aber auch die Angst, Anforderungen nicht gewachsen zu sein, zieht viele Leute in den Teufelskreis.” Alexandra K. litt 20 Jahre an Magersucht und Bulimie. Sie fand den Weg aus dem Teufelskreis, schämte sich aber lange für ihre Vergangenheit. Heute arbeitet sie mit Selbsthilfegruppen zusammen. “Ich möchte möglichst Vielen das Leid ersparen, das mir widerfahren ist.”

Eltern und Partner von magersüchtigen und bulimischen Mädchen, Frauen und Männern leiden meist stark unter den Folgen der Essstörung und wissen oft keinen Rat mehr. Mit der Zeit rückt die Störung so sehr in den Vordergrund, dass sich alles nur noch um sie dreht. Die Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse aller Beteiligten kommen zu kurz. Wichtig ist es, das Problem ohne Schuldzuweisungen anzusprechen. Wenn die oder der Betroffenen ablehnend reagiert: Geduld haben. Das Angebot zum Gespräch hartnäckig, aber ohne Druck, immer wieder machen. Informationen über Essstörungen, Selbsthilfegruppen, und Kontaktadressen sammeln, zum Beispiel in Fachabteilungen von Buchhandlungen. Das persönliche Interesse an der Erkrankung sollte man den Betroffenen auch immer wieder mitteilen: “Ich habe da interessante Informationen gesammelt. Vielleicht interessiert es Dich und wir reden einmal darüber?”

Die Betroffenen selbst sollten den Mut haben, früh Hilfe anzunehmen. Denn ohne Hilfe ist der Ausweg fast nicht zu finden. Wer über die Probleme spricht, stellt schnell fest, dass er oder sie nicht alleine damit ist. “Es gibt Wege aus diesen Krankheiten”, meint Alexandra K. “Aber niemand kann die rasche Lösung auf dem Silbertablett servieren”. Mehr über Magersucht erfahren Sie hier mit wichtigen Adressen und Buchtipps…

Kategorie: News
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