Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch- entzündliche Abbauerkrankung des Nervensystems. Sie tritt wie aus heiterem Himmel auf und trifft oftmals junge Menschen. Die Diagnose ist für den Patienten ein großer Schock, taucht doch unwillkürlich das durch die Medien geprägte Bild eines an den Rollstuhl gefesselten Menschen auf. Die MS ist noch nicht heilbar. Doch es gibt Hoffnung. In den letzten Jahren wurde eine Reihe von wirksamen Medikamenten entwickelt, die den Krankheitsverlauf stark mildern können.

Multiple Sklerose : Ursachen/Risikofaktoren

Die Multiple Sklerose (MS) beruht auf einer Fehlsteuerung des Immunsystems. Vom eigenen Körper gebildete Abwehrstoffe (Autoantikörper) greifen die Schutzhülle (Mark- oder Myelinscheiden) an, welche die einzelnen Nerven im Gehirn und Rückenmark umgibt. Es kommt zu einer allmählichen “Entmarkung” der weißen Hirnsubstanz. Der Name MS geht darauf zurück, dass es an den vielfachen (multiplen) Entzündungsherden des Nervengewebes zur Vernarbung (Sklerose) kommt. Das Erscheinungsbild der MS ist äußerst vielgestaltig. Je nachdem, in welchem Teil des Nervensystems ein solcher Entzündungsherd (Läsion oder Plaque) entsteht, kommt es zu neurologischen Ausfällen, die sich als Störung des Sehens, der Bewegungsfähigkeit, der Berührungsempfindlichkeit, der Harnblasenfunktionen, etc. äußern. MS-Schübe treten oft nach Infektionserkrankungen auf, wo die momentane Immunlage offenbar eine Auslösung der akuten Phase begünstigt.
Die MS beginnt meist im frühen bis mittleren Erwachsenenalter, tritt aber auch gelegentlich bereits im Schulalter. Frauen erkranken häufiger als Männer. Die MS ist mit 70-110 Fällen auf 100000 Einwohner die verbreitetste chronische neurologische Erkrankung überhaupt.

Die Krankheit ist nicht ansteckend, ihre eigentliche Ursache ist noch nicht geklärt. Möglicherweise geht die MS auf eine Viruserkrankung im Kindes- oder Jugendalter zurück, die im Zusammenwirken mit anderen Faktoren später zur MS führt.

Die MS hat eine auffällige geographische Verteilung:
Sie tritt vorwiegend in gemäßigten Klimazonen auf, insbesondere zwischen dem 40. und 60. Breitengrad. Skandinavien ist stark betroffen, in tropischen Regionen ist die MS vergleichsweise selten. Anscheinend sind auch genetische Komponenten am Ausbruch der MS beteiligt, wie eine Häufung der Erkrankung bei einigen Familien und bei Zwillingen vermuten lässt. Gesichertes Wissen liegt dazu aber nicht vor. Anscheinend müssen viele Faktoren zusammenkommen, bis das Immunsystem des Körpers entgleist und die Entzündungsreaktion beginnt.

Es gibt Untersuchungen, nach denen Umweltgifte wie Quecksilber Mitverursacher der Krankheit sein könnten. Diese Ergebnisse sind aber aus schulmedizinischer Sicht bislang als unbewiesen.

Krankheitsbild

Vollkommen unerwartet treten nervliche Ausfälle wie Lähmungen, Taubheitsgefühle, Kribbeln, Schmerzzustände und Bewegungsstörungen auf. Häufiges Stolpern oder Unsicherheit beim Stehen oder Gehen können die ersten Anzeichen sein.
Vielfach beginnt die Erkrankung mit einer ein- oder beidseitigen Entzündung des Sehnervs, die sich in akuten Sehstörungen wie z.B. Doppelbildern äußert. Auch Lähmungen der Augenmuskeln werden beobachtet. Über eine Beteiligung des vegetativen Nervensystems kommt es ferner häufig zu Harnblasen- und Mastdarmstörungen. All das kann nach Abheilung des akuten Entzündungsherdes wieder vergehen oder aber auch – mehr oder weniger stark ausgeprägt – erhalten bleiben. Die MS existiert in verschiedenen Verlaufsformen:

Den größten Anteil bildet mit etwa 80% die in Schüben verlaufende MS. Hier treten die Entzündungsherde und die beschriebenen Krankheitszeichen in wiederkehrenden aktiven Krankheitsphasen auf. In den Wochen, Monaten oder Jahren dauernden Ruhepausen zwischen den Schüben können sich viele der neurologischen Störungen und Symptome zurückbilden oder aber bei ungünstigem Krankheitsverlauf auch fortbestehen. Innerhalb mehrerer Jahre kommt es bei vielen Patienten durch die Summation der Nervenschädigungen zur zunehmenden Beeinträchtigung der Alltagsbewältigung.

Entgegen dem landläufigen Klischee endet aber nicht jeder MS-Kranke unvermeidbar im Rollstuhl. Ein schwerer Verlauf, der innerhalb weniger Jahre zu stärksten Behinderungen führt, wird nur bei etwa 5% der Erkrankten beobachtet. Daneben kommen bei ca. 20% der Patienten auch ausgesprochen gutartige Verlaufsformen vor, bei denen über viele Jahre hinweg keine wesentlichen Beeinträchtigungen der Lebensführung auftreten.

Einen schwereren Verlauf nehmen meist jene selteneren MS-Formen, die von Anbeginn ohne Ruhepausen auftreten (primär chronisch fortschreitende MS) oder nach anfänglich schubartiger Symptomatik ununterbrochen fortlaufen (sekundär chronisch fortschreitende MS). Der Schweregrad der Erkrankung wird in verschiedenen ärztlichen Beurteilungsskalen erfasst, am gebräuchlichsten ist die “Expanded Disability Status Scale” (EDSS).

Auswirkungen

In jenen Fällen, in denen sich die akuten Krankheitszeichen nach dem Schub weitgehend zurückbilden und die Schübe nur selten auftreten, kann der Betroffene sein Leben über lange Zeit wie gewohnt weiterführen. Viele Patienten sind beispielsweise noch Jahre nach Ausbruch der Krankheit berufstätig. Sind die Symptome stark ausgeprägt und/oder bilden sie sich nicht zurück, bzw. kommt es häufig zu neuen Schüben, können sich schwere Behinderungen entwickeln. Stehen beispielsweise Bewegungsstörungen wie eine

Gang- und Standunsicherheit (Ataxie) und Lähmungen im Vordergrund, die sich bis zur Gehunfähigkeit steigern können, sind viele körperliche Alltagsaktivitäten nur noch eingeschränkt, nur für eine bestimmte Dauer oder nur mit Unterstützung möglich. Diese Patienten müssen ihr Leben an die körperlichen Möglichkeiten anpassen. In schweren Fällen kann frühzeitig eine Umschulung oder aber die Aufgabe der Berufstätigkeit mit Berentung notwendig werden.

Die Unvorhersagbarkeit des Krankheitsverlaufes löst bei vielen Erkrankten – und auch Familienangehörigen – Unsicherheit und Angst aus. Entscheidenden Einfluss auf das weitere Leben hat neben der Schwere der eigentlichen Erkrankung die Gemütslage des Betroffenen und sein Wille, aktiv zu bleiben.

Die durchschnittliche Lebenserwartung nach Krankheitsbeginn beträgt unter Nutzung moderner Behandlungsmöglichkeit mehr als 25 Jahre, bei gutartigen Verläufen ist sie überhaupt nicht eingeschränkt.

Erkennung/Untersuchungen

Die MS ist eine bei Erkrankungsbeginn schwierig zu diagnostizierende Erkrankung, da alle Symptome auch von anderen Krankheiten verursacht werden und sich die ersten Krankheitsschübe spontan wieder zurückbilden können. Der ausführlichen Erhebung der

Krankengeschichte (Anamnese) folgen viele körperliche Untersuchungen, u.a. der Bewegungsabläufe und der Sehfähigkeit. Daran schließen sich technische Untersuchungsverfahren, wie die Untersuchung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurographie), die Ableitung elektrischer Gehirnströme (somatosensibel, visuell

und akustisch evozierte Potentiale = SEP, VEP, AEP), die Computertomographie (CT) und die diagnostisch beweisende Kernspintomographie (MRT) an. Zur Unterstützung der Diagnose einer MS wird die Gehirn- und Rückenmarkflüssigkeit (Liquor) auf Augenuntersuchung bestimmte entzündliche Eiweißkörper (Immunglobuline) untersucht.

Therapie

Im allgemeinen gilt, dass sich die Einplanung von Ruhephasen und die Vermeidung von Stress und Überanstrengung auf den Krankheitsverlauf günstig auswirken. Nikotin, Alkohol und andere Rauschmittel sollten tunlichst vermieden werden. Krankengymnastische Übungen sind hilfreich. Für die körperliche Aktivität gilt: Erschöpfende Überanstrengungen sind zu vermeiden!

Leichtere Schübe oder Symptome können sich auch ganz ohne Behandlung bessern. Die Standardtherapie des behandlungsbedürftigen Schubes einer MS ist die einige Tage währende hochdosierte Gabe des entzündungshemmenden Kortisons, die in sehr vielen Fällen wirksam ist. Eine Kortison-Dauertherapie in der stabilen Phase wird nicht empfohlen, daher halten sich auch die gefürchteten Nebenwirkungen in Grenzen. In den letzten Jahren wurde eine Vielzahl neuer Medikamente entwickelt, die unter Langzeitanwendung die Häufigkeit der Schübe senken können und teilweise auch das Fortschreiten der Behinderungen bremsen.

Zu diesen sogenannten Immunmodulatoren gehören z.B. die Beta-Interferone (mit den Untergruppen 1a und 1b), Glatirameracetat (früher Copolymer-1 genannt) und die intravenös injizierten Immunglobuline (IVIg). All diese Medikamente sind bevorzugt bei leichten bis mittelschweren Erkrankungen einzusetzen. In späten, fortgeschrittenen Stadien ist ihr Nutzen nicht mehr eindeutig.Die immunmodulatorischen Medikamente sind inzwischen zu Mitteln der ersten Wahl geworden. Sie sind allerdings teuer und können daher im Einzelfall die Verschreibungsmöglichkeiten des niedergelassenen Arztes überschreiten. In beiderseitigem Interesse sollte zwischen Arzt und Patient eine offene Aussprache über die medizinische Notwendigkeit und die Kostenfrage stattfinden.

Neben den genannten Mitteln gibt es noch eine Reihe weiterer Medikamente, die im Einzelfall mit Erfolg eingesetzt werden können. Zu diesen Substanzen zählen Immunsuppressiva wie Azathioprin, Methotrexat, Mitoxantron, Cyclophosphamid.

Zusätzliche Behandlungsmethoden bestehen in verschiedenen Formen der Naturheilverfahren oder in sogenannten Außenseitermethoden. So werden spezielle Diäten angeboten, die beispielsweise aus der Vermeidung bestimmter Nahrungsbestandteile wie Fettsäuren und/oder in der Zufuhr von Vitaminen, Spurenelementen, bestehen. Mit keinem dieser Verfahren konnte bisher ein allgemeiner Therapiedurchbruch erzielt werden, in Einzelfällen scheinen die Behandlungsergebnisse aber positiv zu sein. Vor “Wunderheilungen”, insbesondere wenn sie mit hohen Selbstkosten verbunden sind, muss gewarnt werden.

Ein unrühmliches Beispiel ist das ungarische Wundermittel “Beres-Tropfen”, vor dem das Bundesgesundheitsamt bereits vor Jahren warnte und das den verunsicherten Patienten immer noch angeboten wird.

Häufige Fragen

Kann ich trotz Multipler Sklerose an Kinder denken?
Die MS-Erkrankung steht einer Schwangerschaft generell nicht entgegen. Es sollte aber vorausschauend und illusionslos abgewogen werden, ob die Kräfte für die notwendige “Rund-um-die-Uhr”-Betreuung der kleinen Kinder ausreichen.

MS ist nicht vererbbar, aber für nahe Verwandte besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, an MS zu erkranken. Das Risiko für ein Kind mit einem MS-erkrankten Elternteil, liegt nach derzeitigem Wissenstand bei 3-5%.

Wichtige Adressen

DMSG Bundesverband e.V.
Vahrenwalder Str. 205-207
30165 Hannover
Tel.: 05 11/9 68 34-0
Fax: 05 11/9 68 34-50
E-mail-Adresse: dmsg@dmsg.de

Multiple Sklerose Selbsthilfe e. V.
vormals M.S.K.e.V .
c/o Jürgen Jenet
Teltower Damm 43-45
D-14167 Berlin
Telefon: 030-3953135
Fax: 030-3957773

AMSEL-Baden-Württemberg
Regerstr. 18, 70195 Stuttgart
Postfach 140153, 70071 Stuttgart
Telefon: 0711 / 69 786 -0
Fax: 0711 / 69 786 -99

http://www.dmsg.de/
Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft verfügt über einen Bundesverband, 16 Landesverbände und ca. 900 örtlichen Kontaktgruppen. Hier arbeiten MS-Betroffene, ihre Angehörige und viele Helfer und Mitarbeiter gemeinsam daran, aktuelle Informationen über die MS und ihre Behandlung zu verbreiten und Patienten auch persönlich zu unterstützen.

http://www.multiple-sklerose-e-v.de/
Die Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose-Kranker bietet u.a. aktuelle Hinweise zur Behandlung der MS. Sehr detailliert wird auf die verschiedenen Medikamente eingegangen.

Buchtipps

Auch kleine Schritte führen weiter. Multiple Sklerose, die unfassbare Krankheit. Karen Bischof, Serafin Beer
Haffmans Verlag 1999, Zürich; DM 36,00 EUR 18,41

Multiple Sklerose. Antworten auf die häufigsten Fragen.
Günter Krämer, Roland Besser
TRIAS, Stuttgart 1997; DM 24,80 EUR 12,68

Grenzen leben. Für einen anderen Umgang mit MS.
Monika Manke, Werner Engels
Fischer-Taschenbuch-Verlag 1997, Franfurt am Main
DM 16,90 EUR 8,64

Multiple Sklerose von A- Z. Medizinische Fachwörter verstehen. Günter Krämer
TRIAS, Stuttgart 1997; DM 19,80, EUR 10,12

Der MS – Ratgeber. Eva Maida
TRIAS, Stuttgart 1997; DM 39,80 EUR 20,35

Kategorie: Krankheiten
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