Magen- und Zwölffingerdarmgeschwür – Peptisches Ulkus, Ulkuskrankheit

Im Volksmund wird die große Bedeutung des Verdauungstraktes für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden deutlich: “Die Liebe geht durch den Magen”, der Ärger kann “auf den Magen schlagen” und so manches “stößt einem sauer auf”. Etwa 30% der Bevölkerung leiden unter dauernden oder häufig wiederkehrenden Oberbauchbeschwerden, wie Schmerzen, Krämpfe, saures Aufstoßen oder Druck- und Völlegefühl, für die es vielerlei Ursachen gibt. Die genannten Redewendungen machen deutlich, dass psychische Belastungen, Stress und Alltagsprobleme eine große Rolle spielen können. Andererseits können mehr oder weniger schwerwiegende organische Erkrankungen, schlimmstenfalls ein Magenkarzinom, dahinter stecken. Häufig werden die Schmerzen von Defekten der Schleimhaut ausgelöst. Dahinter kann sich entweder eine Überempfindlichkeit (Reizmagen), eine Entzündung (Gastritis) oder ein Geschwür (Ulkus) verbergen. Bei der Geschwürkrankheit (Ulkuskrankheit) unterscheidet man zwischen Geschwüren des Magens (Ulcus ventriculi) und des Zwölffingerdarms (Ulcus duodeni). Letzteres kommt viermal so häufig wie das Magengeschwür vor, v.a. bei jüngeren Menschen.
Insgesamt erkranken in Deutschland zwischen 5% und 15% der Bevölkerung an einem Zwölffingerdarmgeschwür. Jährlich sind etwa 1,2 Millionen Menschen betroffen.

INFO Reizmagen
Der Reizmagen, der auch nervöser Magen genannt wird, gehört zu den funktionellen Magen-Darm-Beschwerden, für die auch bei eingehender Untersuchung keine organische Ursache gefunden werden kann. Zusammen mit dem Reizdarm zählt der Reizmagen zu den häufigsten Magen-Darm-Beschwerden überhaupt. Die Symptome, die von denen einer Ulkuskrankheit nicht ohne weiteres zu unterscheiden sind, können sehr quälend sein, sind letztlich aber harmlos. Viele Patienten sind über die immer wieder auftretenden anhaltenden Beschwerden dennoch sehr beunruhigt und deshalb “Dauergäste” in der Arztpraxis.
Ursache der Reizmagen-Beschwerden sind eine gesteigerte Empfindlichkeit der Magenschleimhaut und der glatten Muskelzellen in der Magenwand. Das heißt, der Magen reagiert schmerzempfindlicher als bei Gesunden, z.B. auf Dehnungen oder ein zuviel an Magensäure. Außerdem sind bei vielen Patienten die fein aufeinander abgestimmten Bewegungsabläufe im Verdauungstrakt sehr störanfällig und geraten durch Faktoren wie Stress oder Ernährung leicht aus dem Lot (Motilitätsstörungen). Es kommt dann zu einer Beeinträchtigung der Transportmechanismen im Magen-Darm-Trakt, z.B. zu einer Verzögerung oder Beschleunigung der Magenentleerung. Auch das Bakterium Helicobacter pylori steht im Verdacht, an der Entstehung der Reizmagen-Symptomatik beteiligt zu sein. Typisch für einen Reizmagen ist, dass die Verdauungsbeschwerden oft von anderen, allgemeineren Symptomen, z.B. Schlafstörungen, Angst und Unruhe, Herzbeschwerden, Atemhemmungen oder Migräne, begleitet sein können. Da bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden keine Gefahr im Verzug ist, wird sich Ihr Arzt möglicherweise dafür entscheiden, zunächst einen etwa zweiwöchigen Therapieversuch ohne genaue Magendiagnostik (Endoskopie) zu starten. Lassen sich die Beschwerden damit nicht bessern oder treten in kurzen Abständen immer wieder auf, muss jedoch eine endoskopische Untersuchung von Magen- und Zwölffingerdarm erfolgen. Nur damit können eine Ulkuskrankheit oder ein Magenkarzinom sicher ausgeschlossen werden. Folgende Medikamente stehen für die Behandlung des Reizmagens zur Verfügung:

 

  • Säurehemmende Medikamente (H2-Rezeptorantagonisten, Protonenpumpeninhibitoren) (rezeptpflichtig).
  • Medikamente, die die Bewegungsabläufe des Magen-Darm-Traktes beeinflussen (Prokinetika), z.B. Cisaprid, Metoclopramid, Domperidon (rezeptpflichtig).
  • Triple-Therapie zur Ausrottung von Helicobacter pylori aus dem Magen. Sie besteht aus einem Säurehemmer in Kombination mit zwei Antibiotika (rezeptpflichtig).
  • Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika wie Dimenhydrinat (apothekenpflichtig) oder das Prokinetikum/Antiemetikum Metoclopramid (rezeptpflichtig) helfen.
  • Krampfartige Schmerzen lassen sich mit Spasmolytika wie Demelverin und Trihexyphenidyl oder Kombinationspräparaten aus beiden Substanzen lindern (apothekenpflichtig).
  • Pflanzliche Mittel, die die Motilität beeinflussen, z.B. Extrakte aus Iberis amara (Bittere Schleifenblume) (apothekenpflichtig).
  • Teezubereitungen aus Pfefferminze, Kamille oder Schafgarbenkraut beruhigen den Magen; Tausendgüldenkraut oder Wermutkraut regen die Magensaftproduktion an (nicht bei Ulkuskrankheit trinken).

Ursachen/Risikofaktoren

Ein Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür entsteht dann, wenn im Verdauungstrakt ein Ungleichgewicht an aggressiven und die Schleimhaut schützenden Faktoren vorliegt. Die wichtigste aggressive Komponente ist die Magensäure. Bei der Ulkuskrankheit verursacht sie Defekte zunächst in der Schleimhaut, dann in der Magen-Darmwand. Dabei kann es bluten und zu einem Durchbruch der Wand kommen. Normalerweise verfügt die Schleimhaut über Mechanismen, die sie vor dem Angriff der Magensäure schützen und eine “Selbstverdauung” verhindern. Dazu gehören eine gute Durchblutung und säureneutralisierende Substanzen. Ist dieses Gleichgewicht gestört, wozu neben einer genetischen Veranlagung vor allem von außen zugeführte Giftstoffe wie Alkohol, Nikotin oder Medikamente beitragen können, gewinnen aggressive Magen- und Gallensäuren die Oberhand und schädigen die Schleimhaut.
Ein besonders hohes Risiko für die Entwicklung einer Ulkuskrankheit haben Menschen, die wegen eines Rheumaleidens entzündungslindernde Schmerzmittel, sogenannte nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR), einnehmen müssen.
Bei Krankenhauspatienten auf Intensivstationen entsteht oft ein sogenanntes Stressulkus.

Allerdings ist die Magensäure nicht allein für die Ulkuskrankheit verantwortlich. Erst vor wenigen Jahren hat man den wahren Übeltäter bei der Geschwürsbildung erkannt:

Helicobacter pylori, ein Bakterium, das sich in der Magenschleimhaut sehr wohl fühlt und dort eine chronische Gastritis verursacht. Bei über 90% aller Patienten mit einem Zwölffingerdarmgeschwür und bei etwa 70% aller Patienten mit einem Magengeschwür ist der Magen mit dem Bakterium Helicobacter pylori infiziert.

INFO Helicobacter pylori
Mit der Entdeckung des Bakteriums Helicobacter pylori – kurz H. p. – Mitte der 80er Jahre konnten plötzlich viele Magen-Darm-Erkrankungen besser erklärt und auch behandelt werden. Der winzige “Magenteufel” verursacht eine chronische Entzündung der Magenschleimhaut (Gastritis), die zu Schmerzen und zahlreichen Mikrodefekten in der Schleimhaut führen kann. Diese kleinen Verletzungen der Schleimhaut öffnen der aggressiven Magensäure die Tür für ihren Angriff und bilden den Boden für eine Geschwürsbildung. H.p. selbst produziert eine Lauge und macht sich damit gegen die Magensäure unempfindlich.

Weltweit sind etwa 3,5 Milliarden Menschen mit H.p. infiziert, bei durchschnittlich jedem 3. Deutschen hat sich der Keim auf der Oberfläche der Magenschleimhaut eingenistet. Ein Mensch kann jahrzehntelang mit Helicobacter pylori besiedelt sein, ohne etwas davon zu spüren. Allerdings kann eine jahrelange chronische Gastritis, wie sie durch den Magenkeim verursacht wird, auch allmählich zu einer Rückbildung der Magenschleimhaut und letztlich zu einem Magenkrebs führen.

Krankheitsbild

Krankheitszeichen beim Magengeschwür:

  • Druck- und Völlegefühl oder Schmerzen in der Magengegend unmittelbar nach den Mahlzeiten
  • Appetitlosigkeit, Brennen in der Magengrube,
  • gelegentlich Erbrechen
  • Gewichtsverlust

Krankheitszeichen beim Zwölffingerdarmgeschwür:

  • Brennende, bohrende, schneidende oder stechende Schmerzen bei nüchternem Magen bzw. auch längere Zeit nach dem Essen oder nachts
  • Schmerzausstrahlung in Rücken
  • Appetitlosigkeit
  • Erbrechen
  • Gewichtsverlust

Leichtere Blutungen im Magen-Darm-Trakt führen zu Schlappheit und Müdigkeit. Schwere Blutungen infolge eines Magendurchbruchs haben einen lebensbedrohlichen Schockzustand zur Folge. Durch die heute verfügbaren guten Medikamente ist dies glücklicherweise selten geworden. Bei einer durch Helicobacter pylori geschädigten Magenschleimhaut kann auch übler Mundgeruch auftreten.
Schmerzen und Unbehagen im oberen Bauchraum, begleitet von Übelkeit, Erbrechen, Sodbrennen, Völlegefühl, Blähungen und Appetitlosigkeit können auch Symptome eines Reizmagens sein. Eine Abgrenzung zur Ulkuskrankheit ist auf den ersten Blick nicht möglich, sondern erfordert eine endoskopische Untersuchung.

Auswirkungen

Da die Ulkuskrankheit auch ganz ohne Beschwerden verlaufen kann, sind überraschende Blutungen und plötzlicher Wanddurchbruch möglich. Dies ist ein Notfall, der rasch in einen Schockzustand übergeht und sofort operativ behandelt werden muß. Bei folgenden Symptomen sollten Sie deshalb sofort ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen: Übelkeit mit Bluterbrechen, blutiger, schwarzer Stuhlgang, messerstichartigen Bauchschmerzen mit Schweißausbrüchen und fliegendem Puls.

Bei der Abheilung der Geschwüre, die nicht selten auch spontan und ohne Behandlung geschieht, bilden sich mitunter Narben, die den Magenausgang verengen können (Stenose). Der Nahrungsbrei wird so an der Passage gehindert. Die Folgen sind Appetitlosigkeit, Völlegefühl und starke Gewichtsabnahme.

Erkennung/Untersuchungen

Die wichtigste diagnostische Methode bei Verdacht auf eine Ulkuskrankheit ist die Magen-Darmspiegelung (Gastro-Duodenoskopie). Der Patient muss dafür einen Schlauch schlucken. Vorteil: Der Zustand des Magens kann gut beurteilt und Gewebeproben (Biopsien) entnommen werden. Damit kann ein Geschwür entdeckt, die Magenschleimhaut beurteilt und in der Gewebeprobe nach Helicobacter pylori Info (kurz H.p.) und auch nach Krebszellen gesucht werden. Keine Angst: Die Prozedur ist meist schmerzlos. Notfalls kann man sich vom Arzt ein Beruhigungsmittel geben lassen.

Nach einem “Testgetränk” kann H. p. auch in der Atemluft oder im Blut (Antikörper-Test) nachgewiesen werden. Der Nachteil dabei ist, dass bei diesen Untersuchungen keine Beurteilung der Magenschleimhaut möglich ist und H.p.-Antikörper noch im Blut sein können, nachdem die Infektion längst abgeheilt ist.

Therapie

Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre können mit Medikamenten, welche die Produktion der Magensäure vermindern oder hemmen, zur Abheilung gebracht werden. Zur Verfügung stehen H2-Rezeptorantagonisten (z.B. Cimetidin, Ranitidin, Famotidin, Nizatidin, Roxatidin) (rezeptpflichtig) und Protonenpumpeninhibitoren (Omeprazol, Pantoprazol, Lansoprazol, Rabeprazol) (rezeptpflichtig). Eine Dauertherapie mit diesen Substanzen verhindert, dass Geschwüre erneut auftreten.

Mittel zur Bindung und Neutralisierung der Magensäure (Antazida) lindern rasch die Schmerzen und führen zur Abheilung der Schleimhautdefekte. Es stehen über 50 solcher Substanzen zur Verfügung. Gut verträglich sind zum Beispiel Magaldrat-, Aluminiumhydroxid- oder Hydrotalcit-haltige Antazida.

Die Helicobacter pylori-Infektion ist heilbar. Wird der Keim im Magen gefunden, kann er mit einer einfachen und schnellen Behandlung dauerhaft aus dem Magen entfernt werden. Die sogenannte Triple-Therapie besteht aus einem Medikament zur Hemmung der Magensäure und zwei Antibiotika und dauert 7 Tage. Als Folge erholt sich die Magenschleimhaut. Sowohl die chronische Gastritis als auch die Ulkuskrankheit heilen ab.

INFO Triple-Therapien
Heute gelten Triple-Therapien aus einem Protonenpumpeninhibitor und zwei Antibiotika als effektivste Therapie bei einer Helicobacter pylori Infektion. Es werden entweder die Antibiotika Clarithromycin und Metronidazol, oder Clarithromycin und Amoxicillin mit dem Säureblocker kombiniert. Die Therapie dauert 1 Woche und muss sehr konsequent durchgeführt werden. Unter dieser Behandlung heilen die Geschwüre schnell ab. Bei fast allen Patienten wird der Keim dadurch dauerhaft aus dem Magen entfernt.

Weitere Mittel:
– Sucralfat (schützt die Schleimhaut)
– Pirenzepin (hemmt die Magensäure)
– Wismut (schützt die Schleimhaut und vernichtet vorübergehend Helicobacter pylori)

Bei Komplikationen:
Kommt es zu Blutungen aus den Geschwüren, kann der Arzt die verletzten Gefäße im Rahmen einer Endoskopie verschließen oder Medikamente direkt in das Geschwür spritzen. Selten wird ein größerer chirurgischer Eingriff, z.B. die Entfernung von Teilen des Magens, erforderlich.

Vorsorge

  • Alkohol, Kaffee, Tee, Nikotin und Zitrusfrüchte fördern die Produktion von Magensäure. Genießen sie diese “Säurelocker” nur in Maßen.
  • Vorsicht mit Schmerzmitteln. Sind sie unumgänglich, z.B. im Rahmen einer Rheumatherapie, kann der Arzt magenschützende Medikamente verordnen und damit einer Ulkuserkrankung vorbeugen.
    Stress, Angst und Konflikte möglichst vermeiden. Entspannung schützt den Magen.
  • Mehrere kleine Mahlzeiten werden besonders von Menschen mit Zwölffingerdarmgeschwüren besser als große, üppige Portionen vertragen.

Aktuelles

Hp-Impfung befindet sich in Erprobung, steht für die Praxis aber noch nicht zur Verfügung.

Häufige Fragen

Ist eine Helicobacter pylori-Infektion ansteckend?
Die Übertragung des Magenkeims erfolgt immer von Mensch zu Mensch, häufig innerhalb einer Familie, auch schon im Kindesalter. Man kann sich nicht davor schützen. In der Regel verursacht die Infektion jahrzehntelang keinerlei Beschwerden. Kommt es zu häufigen Verdauungsbeschwerden, kann der Arzt Sie durch geeignete Therapiemaßnahmen von Helicobacter pylori und Ihren Schmerzen befreien.

Haben Menschen mit Reizmagen oder Ulkuskrankheit ein höheres Krebsrisiko?
Bei jahrelanger schwerer Entzündung der Magenschleimhaut durch eine Helicobacter pylori-Infektion kann es zu einer Schrumpfung der Schleimhaut kommen. Diese kann Vorstufe einer Krebserkrankung sein.

Kann ich selbst etwas tun, um meinen Magen zu schützen?
Wenn Sie bereits aus Erfahrung wissen, daß Sie einen “empfindlichen Magen” haben, können Sie selbst aktiv werden.

  • Meiden Sie unbekömmliche Speisen und Getränke (meist weiß man selbst am besten, was man verträgt). Besonders Alkohol, Kaffee, Tee, Nikotin und Zitrusfrüchte fördern die Produktion von Magensäure. Genießen sie diese “Säurelocker” nur in Maßen.
  • Schmerzmittel sollten Sie nur mit Vorsicht verwenden. Wird eine längerfristige Einnahme aufgrund einer Erkrankung notwendig, sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber. Er kann Ihnen Medikamente verordnen, die den Magen schützen.
  • Gönnen Sie sich Ruhe und vermeiden Sie Stress. Zur Entspannung im hektischen Tagesablauf eignet sich zum Beispiel autogenes Training, das man leicht erlernen kann.

Muss ich bei Magenbeschwerden einen Arzt aufsuchen?
Häufig lassen sich Oberbauchbeschwerden nach einem einfachen Motto selbst behandeln: Ruhe und Teetrinken. Kommen die Beschwerden aber immer wieder und sind mit starken Schmerzen verbunden, sollten sie sich untersuchen lassen und die vom Arzt verordneten Medikamente mit großer Sorgfalt und Konsequenz einnehmen. Bei folgenden “Alarmsymptomen” müssen Sie sofort einen Arzt konsultieren:

  • Bluterbrechen (kann wie Kaffeesatz aussehen)
  • Schwarz verfärbter Stuhlgang
  • Plötzliche stechende Bauchschmerzen
  • Harte Bauchdecke
  • Unfreiwillige Gewichtsabnahme

Wichtige Adressen

Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Erkrankungen von Magen, Darm, Leber (Gastro-Liga) e.V.
Liebigstraße 13
35390 Gießen
Tel: 0641 / 9 74 81 – 0
Fax: 0641 / 9 74 81 – 18

Kategorie: Krankheiten
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