Gicht

Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der die Harnsäurekonzentration im Blut stark erhöht ist (Hyperurikämie). Circa 20% der Männer und 3% der Frauen haben in Deutschland erhöhte Harnsäurewerte. In den westlichen Industrieländern zählt Gicht nach Cholesterinerhöhung und Diabetes mellitus zur dritthäufigsten Stoffwechselstörung. Es gibt zwei Formen. Entweder handelt es sich um eine angeborene Stoffwechselstörung (primäre Gicht) oder um eine Begleiterscheinung anderer Erkrankungen (sekundäre Gicht). Beide Formen können durch äußere Faktoren ausgelöst oder verschlimmert werden. Ein entscheidender Faktor ist die Ernährung. Wer viel Fleisch isst und dem Alkohol – vor allem dem Bier – zugetan ist, hat ein erhöhtes Risiko, an Gicht zu erkranken. Das erklärt auch, warum Gicht eine typische Erkrankung der Wohlstandsgesellschaft ist und am häufigsten Männer im mittleren Alter betrifft.

Gicht: Ursachen/Risikofaktoren

Im Rahmen der erhöhten Harnsäurekonzentration in Blut und Gewebe bilden sich Harnsäurekristalle, die sich an unterschiedlichen Körperstellen ablagern. Bevorzugte Stellen sind die Gelenke am großen Zeh, Knöchel, Knie, Hand und Ellenbogen. Auch die Schultern können betroffen sein.

Kritisch wird es, wenn er bei Frauen über 6,7 mg/dl ( > 340 µmol/l) und bei Männern über 7,4 mg/dl ( > 420 µmol/l) im Blut ansteigt. Für den erhöhten Harnsäurespiegel gibt es mehrere Ursachen. Erbliche Veranlagung (primäre Gicht): Die Ausscheidung der Harnsäure über die Niere kann gestört sein oder der Körper produziert wegen eines Enzymdefekts zu viel Harnsäure. Letzteres kommt aber nur selten vor.

Gicht als Begleiterkrankung: Erhöhte Harnsäurespiegel findet man zum Beispiel bei Nierenfunktionsstörungen oder auch nach langjähriger Behandlung mit Bluthochdruckmitteln (z. B. Diuretika).

Purinreiche Ernährung. Purin wird zu Harnsäure abgebaut und ist in hohen Konzentrationen in Fleisch (vor allem Innereien), bestimmten Fischsorten und Hülsenfrüchten enthalten. Falls Sie eine erbliche Veranlagung haben oder eine Grunderkrankung, die mit erhöhten Harnsäurespiegeln einhergeht, bringt das typische “Wohlstandsessen” (Alkohol, viel Fleisch, viel Wurst, wenig Rohkost) das Fass zum Überlaufen und plötzlich kommt es zu einem Gichtanfall.

Für einen erhöhten Harnstoffspiegel sind außerdem verantwortlich: Fettsucht (Adipositas), Schilddrüsenüberfunktion, Einnahme von bestimmten Medikamenten wie zum Beispiel zur Entwässerung (Diuretika), zur Behandlung vom Morbus Parkinson (Levodopa), und Immunsuppressiva (Ciclosporin).

Krankheitsbild

Der akute Gichtanfall tritt meist nachts oder in den frühen Morgenstunden auf und beginnt mit heftigen Schmerzen. In zwei Drittel aller Fälle ist das Grundgelenk des großen Zehs betroffen (Podagra), seltener das Sprunggelenk, Fußwurzelgelenk, Knie (Gonadra), die Finger- oder Handgelenke (Chiragra) oder das Schultergelenk. Die Gelenkentzündung greift über auf das umliegende Gewebe, mitunter auch auf die Sehnen und Bänder. Als Zeichen der Entzündung kommt es zu Schwellung, Rötung und Erwärmung des betroffenen Gelenks. Manchmal ist ein Gichtanfall sogar mit Fieber und Frösteln verbunden. Tritt der Gichtanfall nachts auf, zieht er sich bis zum Morgen hin. Ein Gichtanfall kann aber auch mehrere Tage anhalten. Wird er nicht behandelt, treten in den nächsten Nächten wiederholt Anfälle auf, wobei mehrere Gelenke manchmal hintereinander befallen sind. Das liegt daran, dass die Harnsäurekristalle immer größer werden und sich im Bindegewebe einkapseln.

In fortgeschrittenen Stadien verformen sich die Gelenke und die typischen Gichtknoten (Tophi) bilden sich. Auch in der Niere lagern sich Harnsäurekristalle ab, bilden schließlich Harnsteine, die Nierenkoliken hervorrufen können.

Auswirkungen/Folgen

  • Nierensteine/Nierenkoliken: Harnsäurekristalle lagern sich in der Niere ab und bilden dort Harnsteine. Die Folgen sind Nierenkoliken. Etwa 10 bis 20 Prozent aller Gichtpatienten müssen damit rechnen, dass sie einmal Harnsteine bekommen. Die Harnsteine aus Harnsäurekristallen sind in der Röntgenaufnahme nicht sichtbar.
  • Gichtniere (Gichtnephropathie): Die Harnsäurekristalle können sich auch im Nierenmark ablagern und dadurch die Niere so stark schädigen, dass es sogar zu einem Nierenversagen kommen kann.
  • Gichtknoten (Tophi): Bei der chronischen Gicht kann es zu Ablagerungen von Harnsäurekristallen an verschiedenen Körperstellen kommen, vorzugsweise am Ohrknorpel, aber auch an Augenlidern, Nasenflügeln, und den Streckseiten der Hand- und Ellenbogengelenke.
  • Gelenkzerstörung: Die Einlagerung von Harnsäurekristallen kann die Gelenke zerstören – und zwar unwideruflich. Das heißt, sind die Gelenke kaputt, kann man sie nicht wieder heilen.
  • Bluthochdruck: Etwa die Hälfte aller Patienten mit erhöhten Harnsäurekonzentrationen haben einen Bluthochdruck (arterielle Hypertonie).
    Sehr häufig kommen im Lauf der Zeit weitere Stoffwechselstörungen zum Vorschein. Dazu zählen zum Beispiel Fettstoffwechselstörungen und Diabetes mellitus. Außerdem haben die meisten Patienten krankhaftes Übergewicht (Adipositas).

Erkennung/Untersuchungen

Die Diagnose stellt der Arzt anhand der typischen Symptome (Schmerz, Rötung, Schwellung, Auftreten vorzugsweise nachts und in den frühen Morgenstunden). Besonders verdächtig ist ein äußerst schmerzhafter und blaurot geschwollener großer Zeh.
Die erhöhten Harnsäurewerte (Hyperurikämie) Info kann man anhand der Blutuntersuchung feststellen. Punktiert man mit einer Nadel die Gichtknoten, lassen sich darin Harnsäurekristalle nachweisen.

Therapie

Im akuten Gichtanfall:

  • Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) Info zur Schmerzlinderung und gegen die Entzündung. Beispiele für NSAR: Diclofenac, Ibuprofen, Naproxon oder die neuen COX2-Hemmer.Info
  • Colchicin: Ein Gift der Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale). Das gute Ansprechen auf Colchicin erhärtet den Verdacht auf einen akuten Gichtanfall. Es muss niedrigdosiert werden, denn bereits 20 mg Colchicin sind für einen Erwachsenen tödlich.
    Aufgrund der besseren Verträglichkeit werden heute vor allem aber NSAR verordnet.
  • Kortison: Sollte eigentlich nur eingesetzt werden, wenn Colchicin oder NSAR im akuten Gichtanfall versagen. Das ist selten der Fall.

Zur Dauerbehandlung:

Um die Gicht langfristig in Schach zu halten gibt es 2 Möglichkeiten.

  1. Senkung des Harnsäurespiegels im Blut
    – Benzbromaron: Gehört zur Gruppe der sogenannten Urikosurika, welche die Harnsäureausscheidung steigern. Der Einsatz wird ab Harnsäurewerten im Blut von 8,5 mg/dl ( > 500 µmol/l) empfohlen. Es darf nicht bei eingeschränkter Nierenfunktion, Neigung zu Nierensteinen oder im akuten Gichtanfall genommen werden. Es muss während der Behandlung auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet werden. Eine weitere Substanz aus dieser Gruppe ist Sulfinpyrazon. Urikosurika sind Medikamente der ersten Wahl, wenn die erhöhte Harnsäure auf eine Diuretikabehandlung (Bluthochdruckmittel) zurückzuführen ist.
  2. Verhinderung der Bildung der Harnsäure
    -Allopurinol: Hemmt ein bestimmtes Enzym (Xanthinoxidase), wodurch die Harnsäurekonzentration im Blut abnimmt.

Zu Beginn der langfristigen Therapie verordnet der Arzt NSAR oder Colchicin, da die genannten Medikamente die Harnsäure aus dem Gewebe herausschwemmen und damit anfangs das Risiko eines Gichtanfall erhöhen.

Beachten Sie: An erster Stelle – das heißt, bevor Medikamente eingesetzt werden – steht die Diät. Bei dieser Diät werden stark purinhaltige Nahrungsmittel ausgeklammert bzw. stark reduziert. Mehr dazu finden Sie unter dem Abschnitt “Vorsorge”.

Pflanzliche Medikamente zur Unterstützung:

Veilchenblüten (Viola odorata): Pfarrer Kneipp empfahl einen Absud von Veilchenblüten in Essigwasser als Umschlag bei Gicht in der großen Zehe.

Arnika-Spiritus als Umschlag (Vorsicht, verursacht häufig allergische Hautausschläge!)

Buschbohne (Phaseolus vulgaris): Verwendet werden die getrockneten Schalen. Sie enthalten entwässernde Substanzen und erhöhen die Urinmenge, die ausgeschieden wird. Eine Abkochung der getrockneten Schalen wird als Tee getrunken (ein Teelöffel Bohnenschalen mit einer Tasse kalten Wasser übergießen, dann langsam zum Kochen bringen, fünf Minuten ziehen lassen, abseihen. Täglich zwei- bis dreimal eine Tasse trinken).

Brennesel (Urtica urens): Verwendung finden das Kraut und die Wurzel der Brennesel. Brenneseltee fördert die Harnausscheidung und damit auch die Harnsäureausscheidung. Dadurch wird das Risiko Harnsäuresteine zu bekommen verringert. Zwei Teelöffel Brenneselkraut oder einen halben Teelöffel (Tagesdosis nicht höher als 4 bis 6 Gramm) Brenneselwurzel mit kochendem Wasser übergießen und 15 Minuten ziehen lassen, abseihen und dreimal täglich eine Tasse trinken. Wird auch zur unterstützenden Behandlung bei Rheuma eingesetzt. Brenneselspiritus eignet sich für Umschläge und Einreibungen bei Rheumaschmerz und Gicht. Brenneselwurzeln als Teeaufguss rufen gelegentlich leichte Magen-Darm-Beschwerden hervor.

Wacholder- und Holundertee: Wacholder ist harntreibend und Holunder fördert die Schweißabsonderung. Über beide Wege wird vermehrt Harnsäure aus dem Körper ausgeschieden. Je zehn Beeren zerdrücken, mit einem Viertel Liter siedendem Wasser übergießen und zehn Minuten ziehen lassen. Eine Kur mit Wacholdertee sollte nur durchgeführt werden, wenn die Nieren gesund sind und auch dann nur sechs bis acht Wochen lang. Wacholder reizt auch die gesunden Nieren. Die Holunderbeeren müssen reif sein, unreife Beeren wirken schwach giftig.

Salzbäder: Salzbädern (Sole oder Meersalz) sollen eine unterstützende Wirkung bei der Behandlung von Gicht haben. Man hat beobachtet, dass der Körper im Salzbad vermehrt Harnsäure über die Haut ausscheidet, da die Schweißdrüsen im Salzbad nicht zuquellen. Zusammen mit dem Schweiß scheidet der Körper vermehrt Harnsäure aus. Es reicht ein etwa 3prozentiges Salzbad. Vorher etwas Holundertee trinken fördert die Schweißabgabe zusätzlich.

Tipp: Wenn die Zehe schmerzt, geben Sie eine Hand voll Salz in eine Schüssel warmes Wasser. Tauchen Sie Baumwollsocken darin ein und wringen Sie sie gut aus. Dann über die Füße streifen und dicke Wollsocken darüber ziehen. Lindert Entzündungen, unter anderem bei Gicht in der großen Zehe.

Homöopathie:

Bei Gicht werden eingesetzt:

  • Ammonium benzoicum (Ammoniumbenzoat) bei Ablagerung Harnsäurekristallen in Gelenken.
  • Lycopodium (Bärlapp) bei kalkigen Ablagerungen in Gelenken.
  • Colchicum (Herbstzeitlose) bei Entzündungen der großen Zehe, steifen und fieberhaften Gelenken, Gicht in der Ferse.

Vorsorge

Zum großen Teil haben Sie es selbst in der Hand, ob Sie einen Gichtanfall riskieren wollen.
Sehr viel lässt sich über die Ernährung steuern:

Vermeiden Sie Nahrungsmittel, die viel Purin enthalten. Stark purinhaltige Lebensmittel, die Sie eher meiden sollten, sind zum Beispiel: Fleisch (Schwein, Rind, Kalb, Geflügel, Wild) und insbesondere Innereien, Herz, Kalbsbries, Hirn, Leber, Niere, Zunge, Fleischextrakt, Wurstwaren. Fisch, vor allem geräucherter Fisch, Fischkonserven, Sardellen, Meeresfrüchte, und andere kleinere Fische. Große Fische sind weniger purinhaltig. Hülsenfrüchte, weiße Bohnen, Erbsen, Linsen, Spargel, Pilze, Mayonnaise, Nüsse (vor allem Erdnüsse, die außerdem noch unglaublich fetthaltig sind).
Tipp: Entfernen Sie von gebratenen Fischen und Geflügel immer die Haut.

INFO Purin:
Purin wird aus Eiweißbausteinen im Körper gebildet. Ein Abbauprodukt des Purins ist wiederum die Harnsäure. Das heißt, wenn Sie viel purinhaltige Nahrungsmittel zu sich nehmen, steigt die Harnsäurekonzentration und damit die Gefahr, dass sich Harnsäurekristalle bilden, die sich im Gewebe einlagern. Über die Nahrung sollten Sie maximal 300 mg Purin pro Tag zuführen.

Welche Nahrungsmittel eignen sich?
Blumenkohl, grüne Bohnen, Rosenkohl, Kohlrabi, Schwarzwurzeln (guter Spargelersatz!), Salat, Radieschen, Sauerkraut, Blaukraut, Karoffeln (nicht als Bratkartoffeln), Reis, Brot, Frischkäse, Camenbert, Brie, Joghurt, Quark, Milch, Buttermilch, Obst, Frucht- und Gemüsesäfte, Kaffee, Kakao, Eier.

Tipps:
Bauen Sie in Ihren Speiseplan regelmäßig pflanzliche Rohkost ein. Das erhöht den pH-Wert des Urins (macht ihn basischer) und dadurch kann der Körper mehr Harnsäure ausscheiden.

Bereichern Sie Ihren Speiseplan hin und wieder mit einem Brunnenkressesalat auf. Brunnenkresse hat eine positive Wirkung bei Stoffwechselerkrankungen wie Gicht oder Rheuma. Noch ein paar Löwenzahnblätter darunter gemischt, fördert zusätzlich die Harnausscheidung und beugt Harnsteinen vor.

Meiden Sie Alkohol, denn er hindert die Harnstoffausscheidung. Außerdem ist vor allem Bier sehr purinhaltig. Trinken Sie viel Wasser, Frucht- oder Gemüsesäfte (mindestens 2,5 Liter pro Tag). Reduzieren Sie Übergewicht (aber keine Radikalkuren, sondern schön langsam und stetig).

Meiden Sie außerdem Acetylsalizylsäure (z. B. Aspirin).

Häufige Fragen

Gibt es Getränke, die sich besonders bei Gicht oder erhöhten Harnsäurespiegeln besonders gut eignen?
Zu empfehlen sind Mineralwasser sowie kalorienarme Frucht- und Gemüsesäfte. Unter den Mineralwässern sind solche mit einem hohen Hydrogencarbonat-Gehalt von Vorteil, da sie den pH-Wert des Urins anheben (alkalischer machen), wodurch die Harnsäure besser gelöst wird. Das hat eine vermehrte Harnsäureausscheidung zur Folge. Der Hydrogencarbonat-Gehalt sollte über 1300 Milligramm pro Liter liegen. Erst dann zeigt sich eine Wirkung. Unter den Gemüsesäften hat Selleriesaft eine harntreibende Wirkung und ist daher gut geeignet. Bei den Fruchtsäften sollten Sie darauf achten, dass es sich um einen Saft ohne Zuckerzusatz handelt, der nur fruchteigenen Zucker enthält.

Wie bekomme ich meine Gicht in Griff?
Es gibt eine ganze Reihe von Regeln, die sich sehr einfach anhören: Alkohol reduzieren, purinhaltige Nahrungsmittel meiden, viel Flüssigkeit trinken, Gewicht reduzieren (aber keine radikalen Fastenkuren, da das einen Gichtanfall auslösen könnte), regelmäßige körperliche Bewegung, Stress abbauen, ausreichend Schlaf und Entspannung. Manche dieser Regeln fordern zugegeben einiges an Selbstdisziplin, vor allem wenn man ständigen Versuchungen ausgesetzt ist. Außerdem sollten Sie regelmäßig zum Arzt zu Kontrolluntersuchungen gehen und die verordneten Medikamente regelmäßig und nach Zeitschema einnehmen.

Was begünstigt Gicht noch außer der falschen Ernährung?
Außer einer purinreichen Ernährung und Alkohol begünstigen eine Gicht: nasskaltes Wetter, Übergewicht, Bewegungsmangel, Stress und eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr.

Muss Gicht nach einem ersten Gichtanfall schon behandelt werden?
Diese Frage muss mit ja beantwortet werden. Ein erster Gichtanfall zieht meist weitere Anfälle nach sich, wenn er nicht mit Medikamenten behandelt wird. Außerdem kann eine Gicht langfristig schlimme Folgen haben – z. B. Gelenkzerstörung und Nierenleiden.

Wichtige Adressen

Deutsche Rheumaliga
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Tel.: 0228/766060
Fax: 0228/7660620
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Homepage: www.rheuma-liga.de

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