Cannabis in der Medizin

Aus der Hanfpflanze lässt sich mehr machen als nur Joints. Kiffen kann auch Teil einer Therapie sein. Während die „legalize it!”- Debatte noch im vollen Gang ist, geraten auch die medizinischen Anwendungen von Cannabis wieder mehr ins Interesse der Öffentlichkeit. Dabei war die Hanfpflanze schon vor 4000 Jahren als Mittel gegen Rheuma in China bekannt. Zubereitungen aus Hanf wurden auch in Indien – bei Epilepsie und Muskelkrämpfen, aber auch zur Schmerztherapie und gegen Tollwut – eingesetzt und wurden wegen ihrer bewusstseinsverändernden Wirkung auch bei religiösen Handlungen eingesetzt.

Bei uns in Europa wird „Cannabis sativa”, wie die Pflanze mit botanischem Namen heisst, seit dem 16. Jahrhundert in Kräuterbüchern erwähnt. In den USA waren Cannabisprodukte zwischen 1850 und 1900 sogar die am meisten verkauften Schmerzmittel. Nach diesem kurzen Höhenflug wurden Medikamente auf der Basis von Hanf durch neue, wirksamere Substanzen wie Aspirin verdrängt. Zudem wurde Cannabis wegen der Auswirkungen auf die Psyche und des Suchtpotentials verboten.

Cannabis: Medikamente zum Rauchen?

1964 wurde von einer israelischen Forschergruppe der wichtigste Wirkstoff der Hanfpflanze entdeckt: Delta-9-Tetrahydrocannabinol, abgekürzt THC. Heute sind mehr als 60 verschiede Wirkstoffe der Pflanze bekannt. In Kapselform ist THC in den USA seit 1986 unter dem Markennamen Marinol zur Behandlung von Übelkeit bei Chemotherapien sowie bei Appetit- und Gewichtsverlust bei Aids und Tumorleiden zugelassen. Allerdings ziehen es viele Patienten vor, das getrocknete Kraut und die Blütenstände zu rauchen – die Wirkung setzt rascher und sanfter ein und kann von erfahrenen Patienten genau gesteuert werden.

Ein Hauptproblem ist die Dosierung. Zwar kann genau definiert werden, wie viel von welcher Substanz der Patient schlucken soll. THC wird jedoch individuell unterschiedlich aufgenommen. Da es gesundheitspolitisch kaum vertretbar ist, eine therapeutische Substanz zu verschreiben, die geraucht werden muss, ist in den meisten der bis heute vorliegenden Studien THC nicht mit der Wirkung von gerauchtem Cannabis verglichen worden. Denn der Rauch einer getrockneten Pflanze enthält immer giftige Substanzen und schädigt die Atemwege – ein Joint wird zudem generell tiefer inhaliert als eine normale Zigarette, so dass mehr Schadstoffe in die Atemwege gelangen.

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Intensivierte Forschung

Zurzeit laufen sowohl in den USA als auch in Europa unterschiedliche Studien, um die therapeutischen Wirkungen von Cannabis und THC am Menschen zu untersuchen. An der University of California in San Diego beispielsweise ist ein spezielles “Center for Medicinal Cannabis Research” ins Leben gerufen worden. In einem dreijährigen Forschungsprogramm sollen Sicherheit und Effizienz der medizinischen Anwendung von Cannabis untersucht werden. Auch das amerikanische National Institute of Health (NIH) hat 1999 ein “National Center for Complementary and Alternative Medicine” gegründet, das sich unter anderem mit der medizinischen Anwendung von Cannabis befasst.

In Deutschland und der Schweiz sind, koordiniert vom “Europäischen Institut für onkologische und immunologische Forschung” in Berlin, zwanzig Zentren in eine grosse Cannabisstudie eingeschlossen. Bis in anderthalb Jahren will man an insgesamt 400 Patienten die Wirkung von Cannabis auf den Appetit und den oft ausgeprägten Gewichtsverlust bei Tumorpatienten überprüfen. Marinol wird dabei mit einem standardisierten Gesamtpflanzenextrakt und Placebo verglichen. Derselbe Hanfextrakt wird an der Berner Klinik in Montana an Multiple-Sklerose-Patienten getestet, deren schmerzhafte Muskelkrämpfe auf die üblichen Medikamente nur ungenügend ansprechen. Diese Studie mit insgesamt 50 Personen wird vom Schweizerischen Bundesamt für Gesundheit unterstützt, erste Resultate liegen voraussichtlich Mitte Jahr vor. Ebenfalls zur Therapie von Muskelspasmen – hier jedoch bei Querschnittgelähmten – kommt Marinol in der Rehabilitationsklinik Basel zum Einsatz.

Viele mögliche Anwendungen

Versuche an Mensch und Tier lassen vermuten, dass Hanf den heute üblichen Schmerzmitteln unterlegen ist. Auch zur Bekämpfung von Übelkeit und Erbrechen, wie dies bei Chemotherapien auftritt, ist aus Expertensicht der Einsatz von Marinol heute möglicherweise nicht mehr gerechtfertigt. Die Substanz ist bisher nämlich nicht mit den modernen und stärkeren Medikamenten verglichen worden. Zudem haben diese weniger Nebenwirkungen.
Weitere mögliche Anwendungen sind erst in Tierversuchen oder Experimenten mit Zellkulturen untersucht worden. So soll Cannabis auch gegen Krebs wirken. Ein spanisches Forscherteam spritze bei Mäusen THC direkt in bösartige Hirntumore. Dies führte zu einem erheblichen Rückgang der Krebsgeschwulst.

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Suchtpotential

Zwar ist die Meinung weit verbreitet, Cannabis mache körperlich kaum abhängig. Verschiedene Untersuchungen haben aber gezeigt, dass es nach langdauerndem, hoch dosiertem Cannabiskonsum sehr wohl zu Entzugssymptomen kommen kann. Gegner des Einsatzes von Cannabis zu medizinischen Zwecken weisen auch regelmässig auf die Giftigkeit von Hanfprodukten hin, jedoch ist bis heute kein Todesfall auf Grund einer Cannabisvergiftung bekannt.
Als häufigste akute Nebenwirkungen klagen Patienten, die mit Marinol behandelt werden, über Schläfrigkeit und Mundtrockenheit. Bei höherer Dosierung kann es zu Angstzuständen, Verwirrung und gar Halluzinationen kommen. Beim langfristigen Einsatz von gerauchtem Cannabis ist die Schädigung der Atemwege ein ernsthaftes Problem. Zudem ist die Wirkung gewissen Bestandteile der Hanfpflanze auf das menschliche Immunsystem nicht genau untersucht. Einige Experten weisen warnend darauf hin, dass Krebskranke oder Aids-Patienten mit bereits geschwächtem Abwehrsystem vermehrt an Infektionen oder gar Tumoren leiden könnten.

Kategorie: News
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